Let’s liberate diversity
Europäische Saatgutinitiativen tagten in Deutschland
Zur Erklärung von Halle
„Das Feld von Bauern und Bäuerinnen ist das Feld intensiver Tätigkeit für die biologische Vielfalt.“ Jean-François Berthellot (Französischer Bäckerbauer)
150 Bauern, Bäuerinnen, GärtnerInnen, ZüchterInnen, VertreterInnen von Genbanken sowie Initiativen zur Erhaltung und Nutzung der Pflanzenvielfalt aus 25 Ländern haben vom 18. bis 20. Mai 2007 in Halle getagt. Unter dem Motto „Let’s liberate diversity“ fand damit das dritte europäische Saatgut Seminar zu dem Schwerpunkt Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt statt, veranstaltet von der Buko Kampagne gegen Biopiraterie, dem Europäischen BürgerInnen Forum und der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut). Die beiden ersten Seminare hatten 2005 in Poitiers (Frankreich) und 2006 im spanischen Bullas stattgefunden. Die Zusammenkünfte markieren eine noch junge, von bäuerlichen Organisationen initiierte, Bewegung für bäuerliches Saatgut und zur Verteidigung der bäuerlichen Saatgutrechte.
„Beobachten, Vergleichen, Träumen“, mit diesen Worten hat François Berthellot von den französischen Bäckerbauern seine züchterische Arbeit mit alten Weizensorten beschrieben. Sie könnten auch Resümee sein: Beobachten - andere Initiativen kennen lernen, voneinander erfahren, sich austauschen - trifft die Vorträge und beschreibt die Stimmung auf dem Saatgutseminar. Vergleichen - Entwicklungen in den einzelnen Ländern, auf der Nord- und der Südhalbkugel der Erde gegenüberstellen, den Zugang zu Sorten in Genbanken, Maßnahmen zum Schutz von gentechnikfreien Saatgutes diskutieren - passt zu den Workshops und Gesprächen zwischen den Veranstaltungen. Und Träumen - Gestalt bekommen - hat sich auf dem Seminar fortgesetzt. Das lose Netz aus Saatgutinitiativen will sich eine Form geben. Die TeilnehmerInnen beschließen die Gründung der „European Coordination for Peasants Seeds (ECPS) als europäischer Verband für bäuerliches Saatgut.(1)
Verwaltung von Genen
Keineswegs zum Träumen ist die Situation in den europäischen Genbanken. Ihr Selbstverständnis ist verstärkt Richtung Verwaltung und Dokumentation von Genen gerückt, schildert Béla Bartha (2) von Pro Specie Rara aus der Schweiz. Doch zunehmend fehlt Genbanken, vor allem in Osteuropa und außerhalb Europas, das Geld ihre Arbeit angemessen durchzuführen. Sammlungen müssen aufgegeben werden, beispielsweise im Irak, wo die Kühlung nicht mehr gewährleistet werden konnte. Sammlungen werden vernachlässigt, beispielsweise durch Streichen von Stellen, Einsparen von Qualifizierungsmaßnahmen für MitarbeiterInnen wie in Ungarn. Oder Sammlungen bleiben für Bauern und Bäuerinnen unzugänglich: wie in Spanien. Dort wurde von Red de Semillas nachgewiesen, dass 50 Prozent der von Bauern und Bäuerinnen im Rahmen einer Studie gestellten Anfragen nicht beantwortet wurden.(3)
Auf der anderen Seite etablieren sich die wenigen finanzierungsstarken Genbanken in Deutschland, den Niederlanden oder die Nordic Genebank der skandinavischen Länder, die stark gefördert werden. Eine sichere GVO-Policy gibt es auch dort nicht. Beispielsweise führt die Genbank in Gatersleben trotz zertifizierten Qualitätsmanagements keine GVO-Analysen bei Neuzugängen von Kulturen durch, von denen auch GVO-Sorten angebaut werden. Seit 2001 wurden 11 Raps-, 15 Sojabohnen-, 4 Mais- und 20 Luzerne-Sorten in die Sammlung aufgenommen, ohne sie auf GVO-Kontamination zu prüfen.(4) Durch fehlende Analysen und durch Experimente mit gentechnisch veränderten Pflanzen wird die gentechnikfreie Erhaltung der Sorten in Genbanken massiv bedroht. Es gibt keinerlei Garantie dafür, dass nicht bereits gentechnische Verunreinigungen in den Erhaltungsbeständen erfolgt sind.
Notstand in Genbanken
Die Genbanken waren bisher, insbesondere in Mitteleuropa, bei der Erhaltung der Sortenvielfalt eine wichtige Stütze. Sammeln, Erhalten, Vergleichen, Beschreiben und Weitergeben der zum Teil unüberschaubar großen Anzahl an Sorten sind in diesem Zusammenhang die wichtigsten Aufgaben der Genbanken. Dass nun in unmittelbarer Nähe zu Vermehrungsbeständen der Gaterslebener Genbank mit gentechnischen Pflanzen im Freiland und im Gewächshaus experimentiert wird (mehr...), ignoriert ihre ureigenste Aufgabe: die Erhaltung der - gentechnikfreien - Kulturpflanzenvielfalt. Die Weizenherkünfte der Gaterslebener Genbank sind akut bedroht, von gentechnisch verändertem Weizen kontaminiert werden. Das war Anlass für eine Bestandsaufnahme der Situation in europäischen Genbanken. Die TeilnehmerInnen der Saatgut-Tagung in Halle zeigten sich äußerst besorgt und fast automatisch kam die Frage auf, welche Kooperationsmöglichkeiten es für Saatgutinitiativen in Zukunft noch gibt. Zugespitzt formuliert: Müssen sie die Aufgaben der Genbanken in Zukunft in Eigeninitiative übernehmen?
Selbst in die Hand nehmen
Als Antwort auf die desolate Lage in Ungarn baut Renáta Bóscó, ehemalige Mitarbeiterin der nationalen Genbank, zusammen mit KollegInnen eine zivile Genbank auf. In Halle hat sich ein internationales Notkomitee (5) zum Schutz der Weizensorten der Genbank in Gatersleben gegründet. Es will genau die Weizensorten, die in diesem Jahr vom Kontaminierungsrisiko durch die Freilandversuche mit gentechnisch verändertem Weizen betroffen sind, außerhalb der Genbank anbauen und geschützt vor den Experimenten der Genbank erhalten. Die Idee ist, ein weltweites Netzwerk aufzubauen, welches erlaubt, die Sorten in ihren ursprünglichen Herkunftsregionen anzubauen, weil sie sich dadurch am besten von der jahrzehntelangen „Konservierung“ in Gatersleben erholen können. Außerdem soll eine breite Diskussion über die Notwendigkeit ausgelöst werden, Alternativen zu der Erhaltung der Pflanzenvielfalt in Genbanken zu finden.
Weizen oder Probleme
In Italien konnte die Freisetzung gentechnisch veränderten Weizens erfolgreich verhindert werden. „Grano o grane“, übersetzt „Weizen oder Probleme“, haben AktivistInnen ihre erfolgreiche Initiative (6) genannt. 2002 hatte Monsanto entsprechende Anträge gestellt. Die Initiative hat sich besonders im privaten Sektor und bei wirtschaftlich Verantwortlichen Gehör verschafft. Die Lebensmittelbranche hat ein umfassendes Informationsprojekt inklusive einer Studie zu Auswirkungen auf die Ernährungssouveränität finanziert. Durch massiven Druck wurde der Anbau von gentechnischem Weizen schließlich verhindert.
Äußert bedroht ist die Vielfalt des Weizens in seinem Ursprungsgebiet, im Irak. Bis 2002 nutzten 97 Prozent der Bauern und Bäuerinnen lokales oder eigenes Saatgut. Pflanzen wurden ohne gesetzliche Einschränkungen gezüchtet und oftmals untereinander getauscht. In die Kritik geraten ist insbesondere die zwischenzeitliche Zivilverwaltung des Irak durch die USA. Deren Leiter Paul Bremer hatte mit der Order 81 verschiedene Neuregelungen, die auch den Saatgutmarkt betreffen, in Kraft gesetzt. Zunächst hieß es, dass Nachbau von alten per se verboten sei, das ist nicht der Fall. Die Order verbietet den Nachbau von unter dem Gesetz registrierten Sorten. Es wird aber als Einstieg in eine Kommerzialisierung des Saatgutmarktes und damit als Stärkung der Position der Konzerne angesehen.(7) Die wollen in erster Linie sortengeschützte Saaten vermarkten, Nachbau verbieten und traditionelle Landsorten verdrängen.
Dabei kennzeichnet gerade die Landsorten, dass sie hochangepasst an das agro-ökologische System sind und ihre Populationen sich im Gleichgewicht mit Krankheitserregern und ihrer Umwelt befinden. Sie können genetisch flexibel reagieren und haben dadurch ein bedeutendes Potenzial auf Stressfaktoren, beispielsweise durch den Klimawandel, zu reagieren, so Abdullah Jaradat vom landwirtschaftlichen Forschungsdienst (Agricultural Research Service) des US-Landwirtschaftsministeriums.
Neue Vielfalt schaffen
Wie lebendig Kulturpflanzenvielfalt sein kann, schildert Mamadou Lamine Coulibaly am Beispiel von Mali. Saatgut hat dort einen sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und geistigen Wert. Es wird getauscht, auf diese Weise stetig weiterentwickelt, verbessert und an Klima und Kultur angepasst. Der Saatguttausch ist bedroht durch Privatisierungsinteressen, internationale Abkommen, wie das UPOV-Abkommen zum Sortenschutz und die Gefahr, dass gentechnische Pflanzen eingeführt werden. Im Februar 2007 hat die Nationale Koordination bäuerlicher Organisationen (CNOP) in Mali, deren Geschäftsführer Coulibaly ist, einen Workshop zum Austausch von Bauern und Bäuerinnen über Privatisierung und Saatgutrechte durchgeführt.(8) Sie sieht bei den Bauern und Bäuerinnen dringenden Aufklärungsbedarf.
Ganz anders sieht es in Deutschland aus: Die Lebensmittelerzeugung ist von der freien Kulturpflanzenentwicklung völlig abgekoppelt. Die Saatgutautonomie der Landwirtschaft wurde aus der Hand gegeben, so Gebhard Rossmanith von der Bingenheimer Saatgut AG. Wenige Hochleistungssorten prägen den Saatgutmarkt. Er liegt in der Hand großer Firmen, die teilweise auch in den Biobereich eingestiegen sind. Saatgut wird eingekauft wie Folien, Diesel, Töpfe oder andere Betriebsmittel. Genbanken bewahren „alte“ - meistens nicht mehr angebaute - Sorten. Erhaltungsinitiativen bewahren, zumindest durch Nutzung im Hausgarten. Erwerbsbetriebe bewahren und entwickeln nichts mehr - abgesehen von wenigen Ausnahmen. Die Saatgutentwicklung liegt meist bei Konzernen, die durch Hybridisierung, CMS-Nutzung, Patente et cetera versuchen, die Weiterverwendung eigenen Saatgutes so weit es geht zu unterbinden. Erhaltung und Nutzung wieder zu verbinden, ist die Aufgabe. Die Märkte müssen nach Rossmaniths Einschätzung ganz neu für regional angepasste Sorten und Vielfalt in der Küche sensibilisiert werden.
Europäische Hürden
Die EU-Gesetzgebung legt der Entwicklung regional angepasster Sorten Steine in den Weg. Massiv kritisieren die TeilnehmerInnen des Saatgut Seminars den neuen Entwurf zur Umsetzung der Europäischen Erhaltungsrichtlinie. Mit einem Brief fordern sie die EU Gesundheits- und Verbraucherschutzkommission auf, ihren aktuellen Entwurf zurückzunehmen. Der Entwurf vom 17. April will den Anbau von Erhaltungssorten (10) auf Ursprungsgebiete beschränken und die Mengen begrenzen (auf maximal 0,5 Prozent der Anbaumenge der Art in einem Jahr oder auf maximal 100 ha). SaatguterzeugerInnen erwarten, dass ihnen unverhältnismäßige Kosten aufgebürdet werden, damit die geplanten Vorschriften kontrolliert werden können. Anbaubeschränkungen und Kontrollkosten werden den Anbau von Erhaltungssorten nicht erleichtern, sondern gefährden das eigentliche Ziel der EU, Sorten on-farm - also durch Nutzung in Garten und Feld - zu erhalten und weiter zu entwickeln.
Nationale Willkür
Da die Richtlinie auf nationaler Ebene umgesetzt werden muss, rechnen SaatguterzeugerInnen aus Frankreich, wo bereits jetzt massive Einschränkungen vorangetrieben werden, damit, dass sich ihre Möglichkeiten Erhaltungssorten anzubauen noch weiter verschlechtern. Die Klage gegen den franzosischen Verein Kokopelli ist ein Präzedenzfall. Kokopelli war von der halbstaatlichen Organisation GNIS (Groupement National Interprofessionell des Semences et plants) und von der Berufsvertretung der Saatguterzeuger FNPSP (Fédération Nationale des Professionnels des Semences Potagères et Florales) verklagt und am 22. Dezember 2006 in zweiter Instanz wegen Vertrieb nicht eingetragenen Saatgutes zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt worden. In erster Instanz wurde die Klage abgelehnt, da Frankreich die EU Saatgutrichtlinie 98/95/EG in Bezug auf die Erhaltung pflanzengenetischer Ressourcen (11) nicht umgesetzt hat.
Diversity for all!
Die Diskussionen in Halle zeigen, wo die Herausforderungen für eine lebendige Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt und zur Verteidigung der bäuerlichen Saatgutrechte liegen – in jedem einzelnen Land, europa- und weltweit. Die Tagung hat bewiesen, welche Kräfte und Ideen der internationale Austausch entfalten kann. Die neue europäische Koordination ist ein wichtiger Schritt, die Zusammenarbeit und Vernetzung zu vertiefen. Sie soll den Austausch untereinander und mit anderen Organisationen der Zivilgesellschaft fördern und die Interessen der Saatgutnetzwerke und -initiativen auf europäischer Ebene langfristig stärker vertreten. Sie wird dem Notkomitee zum Schutz alter Weizensorten vor GVO-Kontamination und Arbeitsgruppen eine Plattform bieten, die nach der Tagung weiterlaufen: zu Aus- und Weiterbildung in der Saatgutarbeit, Öffentlichkeitsarbeit für biologische Vielfalt, Kooperation der europäischen Bäckerbauern und -bäuerinnen.
Nicht zuletzt setzten sich die TeilnehmerInnen dafür ein, dass die Bedrohung von Genbanken und Urprungszentren durch gentechnische Kontamination auch bei der Vertragsstaatenkonferenz zur biologischen Vielfalt (MOP4/COP9) im Mai 2008 in Bonn auf die Agenda gesetzt wird.
Autorin: Siegrid Herbst
Siegrid Herbst ist Koordinatorin der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit, einem internationalen Zusammenschluss von Erhaltungs-, Züchtungsorganisationen und Saatgutunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie setzen sich dafür ein, ihr Saatgut langfristig frei von gentechnischen Veränderungen zu halten – als Grundlage für eine gentechnikfreie Kulturpflanzenvielfalt.
Dipl.-Ing. Siegrid Herbst
Hohe Straße 9
30449 Hannover
Tel.: 0511 – 92 40 01 - 837
Fax: 0511 - 92 40 01 - 899
E-mail: gentechnikfreie-saat@gmx.de
www.gentechnikfreie-saat.de
Fußnoten
(1) Kontakt : Csilla Kiss, Protect the Future (HU)/Réseau Semences Paysannes (FR), csilla@reseau-ipam.org.
(2) Béla Bartha (PSR) nimmt als Beobachter in Vertretung der NGOs an Treffen des European Cooperative Programme for Plant Genetic Resources (ECPGR) teil.
(3) Vortrag in Halle von Antonio Perdomo (19.5.05), Red de Semillas, Spanien.
(4) Vortrag von Andreas Graner (19.5.07), Leiter der Genbank des IPK in Gatersleben, Deutschland.
(5) Ansprechpartner: Jürgen Holzapfel, Europäisches BürgerInnen Forum, Ulenkrug@t-online.de.
(6) Colombo, Luca (2001): Grano o Grane, Manni-Editori, Italien. Hrsg.: Consiglio dei Diritti Genetici (CDG). Im Netz unter: www.consigliodirittigenetici.org/grano/scheda.htm.
(7) Die Order 81 im Netz unter: www.cpa-iraq.org/regulations/20040426_CPAORD_81_Patents_Law.pdf. Siehe auch den Bericht der internationalen Organisationen GRAIN und Focus on the global South. zu dieser Sache. Im Netz unter: www.grain.org/articles/?id=6.
(8) Der Workshop diente zur Vorbereitung des weltweiten Forums für Ernährungssouveränität 2007, siehe http://www.nyeleni2007.org.
(10) Landsorten, lokal angepasste und vom Verschwinden bedrohte Sorten.
(11) Richtlinie 98/95/EG des Rates vom 14. Dezember 1998 zur Änderung der Richtlinien 66/400/EWG, 66/401/EWG, 66/402/EWG, 66/403/EWG, 69/208/EWG, 70/457/EWG und 70/458/EWG über den Verkehr mit Betarübensaatgut, Futterpflanzensaatgut, Getreidesaatgut, Pflanzkartoffeln, Saatgut von Öl- und Faserpflanzen, Gemüsesaatgut und über den gemeinsamen Sortenkatalog für landwirtschaftliche Pflanzen, und zwar hinsichtlich der Konsolidierung des Binnenmarkts, genetisch veränderter Sorten und pflanzengenetischer Ressourcen Saatgut, Absatz 17: „Pflanzengenetische Ressourcen müssen erhalten werden. Dazu ist eine entsprechende Rechtsgrundlage zu schaffen, die im Rahmen der Rechtsvorschriften über den Verkehr mit Saatgut, die Erhaltung von Sorten, welche von genetischer Erosion bedroht sind, durch Nutzung in situ ermöglicht.“
Erklärung der 3. Europäischen Saatguttagung:
Kulturpflanzenvielfalt für alle!
Die Versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen in den Laboren und Feldern der Genbank in Gatersleben, einer der größten Sammlungen von Kulturpflanzen, waren der Anlass für 150 Bauern, Bäuerinnen, GärtnerInnen, ZüchterInnen, VertreterInnen von Genbanken und Initiativen zur Erhaltung und Nutzung der Pflanzenvielfalt, aus 25 Ländern und vier Kontinenten, vom 18. bis 20. Mai 2007 in Halle zu tagen.
Diese Versuche bedeuten, dass die Genbank des Instituts für Pflanzenzüchtung und Kulturpflanzenvielfalt (IPK) in Gatersleben ihre eigentliche Aufgabe der sicheren Bewahrung der Kulturpflanzenvielfalt nicht mehr erfüllt, sondern im Gegenteil, der Gefahr einer Verunreinigung durch gentechnisch veränderte Pflanzen aussetzt. Das IPK als öffentliche Einrichtung ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass die Industriestaaten es nicht mehr als ihre Aufgabe betrachten, die Vielfalt der Kulturpflanzen und Haustiere zu schützen. In vielen Ländern trennen sich die Genbanken aus angeblichem Geldmangel von ganzen Kulturpflanzenarten, die zur Zeit keine wirtschaftliche Bedeutung haben, oder die Sammlungen werden überhaupt aufgelöst.
Diese Entwicklung hat schwerwiegende Folgen für uns alle. Die Staaten der reichen Länder tragen dabei eine Verantwortung, die weit über ihre Grenzen hinausgeht. Die hier entstandenen Genbanken wie Gatersleben beherbergen Pflanzensammlungen aus allen Ländern der Welt, die zu einem großen Teil im Zuge der kolonialen Besetzung dieser Länder zusammengetragen wurden. Im Widerspruch dazu rechtfertigt die heutige Leitung des IPK die Gentechnikversuche in Gatersleben mit dem Argument, die Pflanzensammlungen seien Eigentum der Genbank, sie sei deshalb frei, darüber zu verfügen.
Dagegen wehren wir uns. In rund 10.000 Jahren der Agri-Kultur ist ein fast unerschöpflicher Reichtum entstanden: In unzähligen Arten, Rassen und Sorten bilden Kulturpflanzen und Haustiere das lebende kulturelle Erbe der Menschheit. Die Erhaltung dieses Erbes ist die Voraussetzung für die zukünftige Ernährung der Menschheit. Es gehört allen Menschen unter dem Vorbehalt, dass die kollektiven Rechte der Gemeinschaften geachtet werden, die sie gezüchtet und erhalten haben um sie bis zu uns zu bringen. Wir unterstützen die Klage gegen das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, aber juristische Schritte allein genügen nicht.
Weltweit haben Menschen begonnen, sich gegen die Privatisierung ihrer Pflanzenvielfalt zur Wehr zu setzen. In Indien schließen sich Frauen zusammen, um in regionalen selbstverwalteten Pflanzenbörsen ihre lokale Pflanzenwelt für ihre Dorfgemeinschaften zu erhalten. Sie haben die Vertretungen der multinationalen Saatgutkonzerne aus ihrer Region vertrieben. In Mexiko protestieren die Bauern gegen die Patentierung ihrer traditionellen Maissorten durch US-Konzerne. In Mali hat die Versammlung der Bauern beschlossen, keine gentechnisch veränderten Pflanzen in ihrem Land zuzulassen und die einheimischen Kulturpflanzen als Grundlage ihrer Ernährungssouveränität zu schützen. In Europa mehren sich die Initiativen zur Rekultivierung der alten Landsorten, Bauern und Bäuerinnen fordern ihr uraltes Recht ein, die Samen der von ihnen angebauten Pflanzen wieder aussäen und frei untereinander tauschen zu dürfen.
Auf dieser Grundlage haben wir in Halle unsere Antworten auf die fortschreitende und planmäßige Vernachlässigung der Genbanken diskutiert. Die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt gehört in bäuerliche und gemeinnützig züchterische Hand. Das ist unsere Antwort auf die politische Absicht, die Züchterrechte großer Unternehmen auszuweiten und die bäuerlichen Rechte drastisch einzuschränken. Die multinationale Saatgutindustrie versucht die Lebensmittelerzeugung weltweit in den Griff zu bekommen. Mit Hilfe der Agro-Gentechnik, der Patentierung von Pflanzen und Tieren, den Normen der offiziellen Katalogen, des UPOV-Übereinkommens von 1991 und der Terminatortechnologie (Saatgut wird steril gemacht) wollen sie die Bäuerinnen und Bauern zu billigen und abhängigen Rohstofflieferanten machen. Sie wollen sich die Erfahrungen der bäuerlichen und gärtnerischen Züchtung aneignen und in agroindustriellen Strukturen vereinnahmen.
Wir werden dies nicht zulassen! Saatgut ist Leben und für uns ist Saatgut ein Gemeingut der Völker.
Wir treten ein:
- Für die biologische Vielfalt, um die Ernährungssouveränität in der Welt wiederherzustellen und um den Folgen der Klimaveränderung begegnen zu können
- für das Recht auf freien Nachbau von Saatgut, ohne Einschränkungen und ohne Gebühren - für das Recht auf Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung ohne GVO und andere manipulierte Pflanzen.
- für das Recht auf Lebensmittel aus Saatgut von regionalen und Landsorten
- für das Recht, dass jeder Mensch das Saatgut dieser Sorten ohne rechtliche Einschränkung aussäen, vermehren, kaufen, tauschen, schenken und weiteregeben darf
- für die kollektiven Rechte der Gemeinschaften, ihre lokalen und Landsorten zu schützen und die Einführung manipulierten und/oder gefährlichen Saatgutes in ihrem Gebiet abzulehnen zum Nutzen der lokalen biologischen Vielfalt
- für das Verbot von Patenten auf Leben und gentechnisch verändertes Saatgut
- für das Recht von Bäuerinnen und Bauern, das ländliche Milieu einschließlich der Sortenentwicklung zu erneuern
In Verantwortung für die Erde, für die Menschen, für unsere Natur und Umwelt und für die nachfolgenden Generationen fordern wir:
Vielfalt für alle! Freiheit für das Saatgut!
Auf dieser Grundlage haben wir in Halle folgendes beschlossen:
1. Die Gründung einer europäischen Koordination für bäuerliches Saatgut
2. Gründung eines internationalen Notstandkomitees zur Erhaltung der in Gatersleben von GVO-Kontamination bedrohten Weizensorten
3. Wir verlangen eine vernünftige europäische Regelung zur Erhaltung der Sortenvielfalt und der bäuerlichen Züchtung unter Berücksichtigung der kollektiven Rechte der Gemeinschaften durchzusetzen.
