Neue Lust auf Alte Sorten
Sortenraritäten liegen im Trend
Artikel aus „Der Standard“ vom 20.8.2008
Kommentar von Beate Koller und Peter Zipser, ARCHE NOAH
Bericht zur Bioversität 2008
Sortenraritäten beim Biobauern einkaufen
Neue Lust auf alte Sorten
Artikel aus „Der Standard“ vom 20.8.2008
http://derstandard.at/?url=/?id=1219060174963
Die Lebensmittelkette Spar bringt im Herbst eine Marke für Obst- und Gemüseraritäten auf den Markt. Auch Rewe holt fast vergessene Sorten zurück in die Regale
Erwin Binder testet Paradeiser. An die 200 Sorten hat er auf seinem Betrieb im Burgenland angebaut. Fünf bis sechs davon eigneten sich für den Supermarkt, sagt er. Sie seien robust und haltbar genug, liefern ausreichend Ertrag, geben viel fürs Auge her. Ja, und sie schmeckten vor allem auch gut. Der Bio-Bauer spezialisiert sich auf in Vergessenheit geratene Gemüsesorten. Die konventionelle Landwirtschaft habe ihn nicht interessiert, erzählt er. Mit immer größerer Fläche immer billigere Produkte zu liefern sei nicht sein Ding. Heute baut er mit 80 Mitarbeitern überwiegend für die Handelskette Rewe an. 15 Sorten ihrer Paradeiser kommen von seinen Feldern.
Aufwändiger Anbau
Dass er mit diesen Raritäten heuer Gewinne macht, bezweifelt er. Auch wenn der Handel gute Preise biete, mit niedrigeren Margen vorliebnehme und der Kunde dafür doppelt so viel bezahle wie für konventionelle Tomaten. Der Anbau alter Sorten sei eben aufwändig, der Ertrag nur halb so groß wie bei Hybriden, die durch Kreuzung von Inzuchtlinien entstehen. "Noch ist es ein Nullsummenspiel, aber ich bin überzeugt, es wird ein Geschäft."
Österreichs Handel entdeckt die Vielfalt. Über Jahre ließen die Supermärkte nicht mehr als ein, zwei Sorten je Gemüse und Obst in ihre Regale. Wie aus dem Bilderbuch eines Artdirectors mussten der Apfel und die Tomate sein: mit roten Backen, aber ohne Flecken, mit fester Schale, damit sie Transporte unbeschadet überstehen, lange haltbar, einheitlich in der Größe und im Geschmack. Wer Abwechslung wollte, konnte ja zur Ananas oder Mango greifen. Doch der Biotrend hat die Gaumen der Kunden sensibilisiert. Von Hochglanz allein lassen sich immer weniger blenden, "Einheitsbrei schmeckt nicht mehr" , so Bioexperte Wilfried Oschischnig.
"Die Konzentration auf seltene Sorten setzt den Biotrend fort, das ist eine geniale Idee" , meint Wolfgang Richter, Chef des Beraters Regioplan, "und wer es schlau macht, kann damit viel Geld verdienen."
Fixstarter: Blaue Erdäpfel
Spar lanciert im Herbst eine eigene Marke für Gemüse- und Obstraritäten, erfuhr der Standard. Unter dem Label sollen alte Sorten gelistet werden, blaue Erdäpfel sind unter den Fixstartern. Rewe führt mehr als 30 seltene Sorten. Alois Posch etwa baut für die Kette 13 Paprika-Variationen an, die mit Namen wie Sweet Chocolate und Cornetto locken. "Ich habe mich in alte Sorten verliebt", sagt der Steirer. Und der Handel habe registriert, dass Vielfalt ankomme. "Mit Bio allein kann man sich vom Diskont nicht mehr abheben."
Rewe bemüht sich intensiv darum, Spezialisten unter Bauern für sich zu gewinnen. Auch mit der "Arche Noah", die viele unter ihnen mit rarem Saatgut versorgt, werden engere Kooperationen gepflegt, sagt ihr Obmann Peter Zipser. Neben Rewe sei Hofer an die Arche herangetreten. Von einer eigenen Lebensmittellinie für alte Landsorten sei die Rede; die Schweizer Handelskette Coop lebe Ähnliches vor.
Harte Auslese
Doch der Weg zurück in die Vielfalt führt über ein über Jahrzehnte unbeackertes Feld. Schnell gehe da gar nichts, meint Zipser. Es sei ein Drama, wie viel Wissen über alte Sorten verlorengegangen ist. Sie sind zudem weniger resistent und ertragreich. Kritiker sprechen daher von Ressourcenvergeudung in Zeiten der Rohstoffknappheit - und von hohen Preise, die sich nur eine Minderheit leisten könne. Schwer wiegt im Handel, dass Landsorten optisch nicht makellos sind. Bereits jetzt wird bis zu ein Drittel der Bioprodukte aussortiert, da sie nicht den Kriterien der Supermärkte entsprechen.
Paradeiskönig mit 3200 Sorten
Biohändler Stefan Maran sieht große Ketten überhaupt als ungeeignet an, um mit kleinen Mengen zu jonglieren. Abgesehen davon gebe es viel zu wenig Produzenten für Raritäten. "Einzelkämpfer reichen für professionelle Vermarktung nicht aus." Noch dazu will mancher Spezialist von Konzernen nichts wissen: Paradeiskönig Erich Stekovics etwa pflegt im Burgenland mehr als 3200 Sorten - Rewe hat sich bisher vergeblich um ihn bemüht. Auch Gerhard Zoubek, Chef des Biobetriebs Adamah, lehnt den Vertrieb über Supermärkte ab. "Es ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Die Gefahr der Abhängigkeit ist zu groß."
Misstrauisch ist auch der Kunde. Viele haben verlernt, mit alten Sorten zu kochen, so Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Das Rezept der Kette: Kooperationen mit Köchen. (Verena Kainrath/Der Standard/Printausgabe/20/08/2008)
Der Verlust der Vielfalt
Rund 250.000 Pflanzensorten sind in den vergangenen 100 Jahren im Zuge der Industrialisierung verlorengegangen, schätzt die Ernährungsorganisation FAO. In Indien wurden bis in die 50er-Jahre 30.000 lokale Reissorten gezählt, 50 sind es heute. In den USA verschwanden 81 % der Paradeiser- und 91 % der Maissorten. Vor 100 Jahren wuchsen in Österreich bis zu 5000 verschiedene Apfelsorten, heute sind es 500. Eine Handvoll findet sich in den Supermärkten. Saatgut wurde in Europa bis Mitte des 20. Jahrhunderts frei getauscht. Heute ist es patentierte Handelsware. In Spitzbergen in Norwegen wurden heuer fast fünf Mio. Samenproben von Nutz- und Kulturpflanzen in einem Eisbunker eingelagert. Sie sollen für künftige Generationen erhalten bleiben. In Österreich sichert der Verein Arche Noah gefährdete Pflanzen. Die Archive umfassen 6000 Sorten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2008)
Kommentar von Beate Koller und
Vor weniger als 10 Jahren wurde der Ansatz, alte Sorten wieder auf den Markt zu bringen, von bäuerlichen Interessensvertretungen und dem Handel noch als chancenlos abgetan. Heute boomt nicht nur Bio, sondern auch das Interesse an alten Sorten ist stark gestiegen. Gründe seitens der KonsumentInnen dafür mögen die Sehnsucht nach dem „Echten“, „Unverfälschten“ und „Gesunden“ sein. Zurecht wünschen die KonsumentInnen, über mehr Vielfalt in den Urprodukten ihre Ernährung zu verbessern, zu echten Geschmackserlebnissen zu kommen und damit eine Stück Lebensqualität zurück zu gewinnen, das in den letzten Jahrzehnten zunehmender Intensivierung der Lebensmittelproduktion zusehens verloren gegangen ist.
Die Nachfrage nach alten Sorten steigt also seit einigen Jahren auch in Österreich stark an – und der Handel reagiert darauf. Interessant ist, die Diskussion auf derstandard.at zu verfolgen: Viele KonsumentInnen erleben es als positiv, wenn mehr Sortenvielfalt auch für sie wieder leicht und regelmäßig erhältlich ist – und da können je nach Region auch Supermärkte eine wichtige Rolle spielen.
Strukturell kann der Lebensmitteleinzelhandel dem Problem des Biodiversitätsverlustes aber wohl nur wenig entgegen setzen – der Verlust an Vielfalt in den vergangenen Jahrzehnten war ja nicht zuletzt auf die überregionalen Handelsstrukturen zurückzuführen. Und: jene Sorten, die letztlich im Regal landen, sind immer nur jene ausgewählten, die heute dem Zeitgeschmack entsprechen und die daher vermarktbar sind. Sie sind Repräsentanten einer größeren Vielfalt - die tausenden Sorten, die ebenfalls Ernährungsgrundlage und genetisches Potential für künftige Generationen darstellen, aber gegenwärtig niemals Marktreife erlangen werden.
Insofern wäre es recht und billig, wenn der Handel sich heute – über das Zuverfügungstellung von mehr Vielfalt in den Regalen hinaus – als Teil seiner „Corporate Social Responsibility“ für die Erhaltung der breiten Vielfalt engagieren würde.
Ein naiver Wunsch? Vielleicht nicht. Ein positives Beispiel ist das Engagement von COOP in der Schweiz, wo in den vergangenen Jahren nicht nur wieder alte Sorten in den Handel gelangt sind, sondern darüber hinaus eine große Anzahl von Erhaltungsprojekten unterstützt wurde.
Die Wiege der Vielfalt sind seit Jahrtausenden die bäuerlichen Betriebe. Will man nachhaltig etwas für die Vielfalt tun, muss man hier ansetzen: Bei der Erhaltung kleinbäuerlicher Strukturen, der Sortenerhaltung und Sortenentwicklung im Rahmen des bäuerlichen und gärtnerischen Wirtschaftens.
Ergebnisse der Bioversität 2008
Bio Austria veranstaltete 2008 in Zusammenarbeit mit ARCHE NOAH und ARCHE AUSTRIA eine "Bioversität" zum Thema "Alte Sorten und Nutztierrassen haben Zukunft". In Vorträgen und Workshops wurde mit ProduzentInnen, WissenschafterInnen, KonsumentInnen und HandelsvertreterInnen über Chancen und Herausforderung bei der Wiederbelebung alter Sorten und Haustierrassen diskutiert.
