EU-Bio-Verordnung

Freiheit für die Vielfalt

ARCHE NOAH sieht in der neuen EU-Bio-Verordnung vor allem durch die Einführung zusätzlicher Saatgutkategorien eine Chance zur Förderung von seltenen Nutzpflanzen. Die Regelungen bringen einen deutlichen Vorteil gegenüber den momentanen Regelungen, die nur standardisierte, einheitliche Pflanzen für den breiten Markt zulassen.

Freiheit für die Vielfalt

EU-Votum öffnet Türen für Bio-Saatgut

Die neue EU-Bio-Verordnung wird die Vermarktung von Saatgut, das für die biologische Landwirtschaft tatsächlich geeignet ist, massiv erleichtern. Derzeit kommt die überwiegende Mehrheit des Saatguts, das in der Bio-Landwirtschaft in der EU verwendet wird, aus konventioneller Züchtung. Konventionelles Saatgut ist jedoch in der Regel für den biologischen Anbau, in dem auf agrochemische Inputs verzichtet wird, ungeeignet.

Im Mai und Juni 2017 haben 20.000 Menschen innerhalb von nur sieben Tagen einen Offenen Brief an Bundesminister Andrä Rupprechter unterzeichnet (mehr dazu unter Hintegrund). Im Brief wurde an den österreichischen Landwirtschaftsminister appelliert, die wichtige, vom EU-Parlament vorgeschlagene Öffnung für Saatgut-Vielfalt im Rahmen der neuen EU-Bio-Verordnung aktiv zu unterstützen. Jetzt wissen wir, dass unsere Bemühungen fruchteten. 

Wir bedanken uns herzlichst bei allen Unterstützer*innen, die uns bei dieser Arbeit unterstütz haben! Die neuen Regeln für die Bio-Landwirtschaft treten am 1. Jänner 2021 in Kraft. Also nun geht's an der Umsetzung. Wir bleiben dran und halten Sie auf dieser Seite auf dem Laufenden.  

Hier geht's zur aktuellen Presseaussendung.

 
 
Podiumsdiskussion Bio-VO 20171117

Spannende Podiumsdiskussion zum Thema “Die neue EU-Bio-Verordnung – Chancen und Herausforderungen für Österreich” am 17.11.2017

Um die bevorstehende Entscheidung der neuen Bio-Verordnung in einem breit angelegten Rahmen zu diskutieren, hat ARCHE NOAH am Freitag, 17.11.2017, 10.30-12.30, eine Podiumsdiskussion organisiert. In der Diplomatischen Akademie Wien haben sich zu diesem Zweck der Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Martin Häusling MEP, Kontrollstellen-Leiter bei Biokontrollservice Österreich (BIOS) und ehemaliger Grüner Abgeordneter DI Dr. Wolfgang Pirklhuber, ARCHE NOAH Vorstandsmitglied Klaus Rapf und Vertreterin der Arbeiterkammer DI Iris Strutzmann auf dem Podium versammelt. Durch die Diskussion hat Irmi Salzer geführt. Es wurden die Chancen und Herausfordernungen des Gesetzesentwurfs aufgezeigt, erörtert und debattiert. Das Publikum hat sich in den lebendigen Austausch durch rege Beteiligung und Fragen eingebracht.

 
 
 

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Podiumsdiskussion 17.11.2017 in der Diplomatischen Akademie Wien zum Thema neue Bio-Verordnung Bilder ansehen

 
 

Hier finden Sie mehr Informationen zur Bio-Verordnung

Warum ist die Vielfalt an Nutzpflanzen bedroht?

 
 

Das restriktive EU-Saatgutrecht beschränkt seit Jahrzehnten die Vielfalt von Gemüse, Getreide und Obst in Europa. Nur standardisierte, einheitliche Pflanzen, die für die industrielle Landwirtschaft geeignet sind, werden für den Markt zugelassen. Saatgut von alten und seltenen Pflanzen, die die Standards wegen ihrer innenwohnenden genetischen Vielfalt nicht einhalten können, darf nur in „Nischen“ und unter bürokratischen Auflagen verkauft werden, oder ist ganz verboten. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind so allein im 20. Jahrhundert 75% der Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen und der Verlust dauert bis heute an. 

 
 

Welche Verbesserungen bringt die Verordnung?

 
 

Die Bio-Verordnung bringt innovative Erneuerungen für die Kulturpflanzen- und Lebensmittelvielfalt. Konkret werden neue, zusätzliche Saatgut-Kategorien geschaffen. Diese neuen Saatgut-Kategorien sind  „biologisches heterogenes Material“ und „für biologische Produktion geeignete biologische Sorten“ und gelten für alle Arten. Die neuen Kategorien ermöglichen, dass sich Saatgut an seine Umwelt- und Klimabedingungen flexibel anpassen kann. Das ist derzeit für die gängigen Gemüse- und Getreidearten nicht möglich.

 
 

Welche Vorteile bringt Vielfalt im Klimawandel?

 
 

Die neuen Saatgut-Kategorien legen den Grundstein dafür, dass in Europa Pflanzen entwickelt und angebaut werden, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen. Durch den Klimawandel sind die Pflanzen innerhalb einer Vegetationsperiode zunehmend extremeren Wetterbedingungen ausgesetzt, wodurch auch ein neuer Schädlings- und Krankheitsdruck entsteht. Die Vielfalt liefert eine systemische Antwort auf diese Herausforderungen: Pflanzen dürfen sich über Generationen hinweg „im Dialog“ mit ihrer Umwelt entwickeln, und so mit den lokalen Umwelt- und Klimaherausforderungen wachsen. Gerade im Bio-Sektor ist das wichtig, denn dieser verzichtet auf synthetische Dünger und Spritzmittel.

 
 

Wie helfen die neuen Saatgut-Kategorien der Biodiversität?

 
 

Die Vielfalt von Pflanzen ist heute durch restriktive Gesetze weitgehend von der breiteren Nutzung ausgeschlossen. Deswegen gehen immer mehr natürliche, wertvolle Eigenschaften verloren. In öffentlichen „Genbanken“ werden Samenmuster der bedrohten Pflanzen im Eis eingefroren und gelagert. Doch Vielfalt kann breitflächig nur dann bestehen bleiben, wenn sie auch breitflächig angebaut wird. Nur was gegessen wird, bleibt auch erhalten. Die neuen Saatgut-Kategorien legalisieren den Verkauf von Vielfalts-Saatgut für den Bio-Sektor und befördern so durch Anbau, Nutzung und Konsum die Biodiversität .

 
 

Wie profitieren Bio-Bäuer*innen von der Vielfalt?

 
 

Bio-Bäuer*innen haben mehr Möglichkeiten, Vergleiche zwischen standardisierten Samen einerseits, und flexiblem Vielfalts-Saatgut andererseits zu machen. Sie können durch die neue Verordnung jene Pflanzen anbauen, die am besten zu ihrem Standort passen und von ihren Kund*innen geschätzt werden. Die Entwicklung von Hofsorten und deren regionale Nutzung würde wieder legal werden.

 
 

Wem schaden die neuen Vielfalts-Kategorien für Saatgut?

 
 

Die internationale Saatgutindustrie stellt sich durch massives Lobbying gegen die neuen, zusätzlichen Saatgut-Kategorien. Denn die Industrie hat sich auf Sorten spezialisiert, die einheitlich und standardisiert sind – das ermöglicht, geistige Eigentumsrechte wie Sortenschutz oder Patente durchzusetzen, und die Nutzung durch Bäuer*innen einzuschränken bzw. jährliche Gebühren zu verlangen. Viele Gemüse-Pflanzen sind  Hybride – also „Einmalsamen“, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen. So hat es die Industrie geschafft, in vielen Saatgutsektoren den Markt zu monopolisieren und Abhängigkeiten zu schaffen. Weltweit beherrschen nur acht Konzerne 75% des Saatgutmarktes.

Die neuen Vielfalts-Kategorien für Saatgut können – langfristig – die Macht der Konzerne zumindest im Bio-Sektor verringern, denn die sind nicht sortenschutzfähig und keine Hybride. Es können wieder neue, lokale Züchtungsunternehmen entstehen, die eine Alternative zu den Giganten bieten.

 
 
 

Was wurde aus der EU-Saatgutverordnung?

 
 

Das restriktive EU-Saatgutrecht beschränkt die Vielfalt von Gemüse, Getreide und Obst in Europa. Nur standardisierte, einheitliche Pflanzen sind für den breiten Markt zugelassen. 2013 wollte die EU-Kommission mit der EU-Saatgutverordnung die Vielfalt sogar noch weiter einschränken. Doch das EU-Parlament hat den Vorschlag zurückgewiesen und die EU-Kommission hat ihn im Frühling 2015 zurückgezogen. So konnten die ärgsten Verschlimmerungen verhindert werden.

Doch auch das jetzige Saatgutrecht diskriminiert die Vielfalt massiv. Es herrscht dringender Reformbedarf. So setzt sich das EU-Parlament seit 2015 dafür ein, zumindest im Bio-Sektor dank der neuen Saatgut-Kategorien in der neuen EU-Bio-Verordnung mehr Vielfalt zuzulassen.