Freiheit für die Vielfalt

Freiheit für die Vielfalt

EU-Bio-Verordnung auf der Zielgeraden

Bereits 2012 entschied die EU-Kommission, ein neues Bio-Recht auf den Weg zu bringen. Über die neue EU-Bio-Verordnung wurde seit 2014 in 18 Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Kommission, Ratspräsidentschaft und EU-Parlament intensiv verhandelt - nach einer Einigung Ende Juni im Trilog wurde am 20. November 2017 im Sonderausschuss Landwirtschaft dafür gestimmt. Und auch im Agrarausschuss des EU-Parlaments wurde der Entwurf am 22. November mit Mehrheit angenommen. Ein großer Meilenstein für die Vielfalt!

Jetzt fehlt nur noch eine Absegnung auf Minister-Ebene im Agrarrat im April bzw. Mai 2018 - und die Bio-Verordnung kann ab Jänner 2021 in Kraft treten.

Bei der neuen Verordnung stehen verlässliche Rahmenbedingungen für die rasant wachsende Bio-Branche im Mittelpunkt. Einzelne Themen wie Grenzwerte für Pestizidrückstände wurden jedoch heiß debattiert. In dem nun zur Abstimmung vorliegenden Kompromisstext wurden teils sehr unterschiedliche Standpunkte der Mitgliedstaaten und Interessensgruppen zusammengeführt.

Arche Noah sieht in den neuen Regelungen vor allem durch die Einführung zusätzlicher Saatgutkategorien eine Chance zur Förderung von seltenen Nutzpflanzen – vor allem Gemüse und Getreide – und somit der Vielfalt. Sie würden in diesem Bereich einen deutlichen Vorteil gegenüber den momentanen Regelungen bringen, die nur standardisierte, einheitliche Pflanzen für den breiten Markt zulassen.

Freiheit für die Vielfalt

Verschiebung der Abstimmung zur EU-Bio-Verordnung auf April 2018

Im Mai 2017 wurde ein offener Brief von der ARCHE NOAH an den Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter geschickt - um an ihn zu appellieren, dass er die neue EU-Bio-Verordnung aufgrund der darin enthaltenen Öffnung für die Saatgut-Vielfalt unterstützen soll. Ein Jahr später, im April 2018, sollen im EU-Agrarrat und im Plenum des Europäischen Parlaments nun die finale Abstimmungen darüber stattfinden. 

Für die ARCHE NOAH liegen die Vorteile der Verordnung für die Saatgutvielfalt nach wie vor auf der Hand. Einerseits soll die Vermarktung, der Tausch und der Anbau von biologisch heterogenem Saatgut ohne Zulassung möglich werden. Andererseits wird der Zugang zu für biologische Produktion geeignete biologische Sorten, die unter biologischen Bedingungen gezüchtet und für den Bio-Anbau bestens verwendet werden können, leichter, was der Bio-Landwirtschaft ungemein zugute kommt. Darüberhinaus sollen auch Informationen über die Verfügbarkeit von Bio-Saatgut transparenter werden - durch die Sammlung in nationalen Datenbanken.

Die Österreichische Bundesregierung hat die neue Verordnung erst kürzlich abgelehnt - wie die neue Regierung dazu steht, bleibt offen.

Hier geht es zur aktuellen Aussendung dazu.

 
 
Podiumsdiskussion Bio-VO 20171117

Spannende Podiumsdiskussion zum Thema “Die neue EU-Bio-Verordnung – Chancen und Herausforderungen für Österreich” am 17.11.2017

Um die bevorstehende Entscheidung der neuen Bio-Verordnung in einem breit angelegten Rahmen zu diskutieren, hat ARCHE NOAH am Freitag, 17.11.2017, 10.30-12.30, eine Podiumsdiskussion organisiert. In der Diplomatischen Akademie Wien haben sich zu diesem Zweck der Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Martin Häusling MEP, Kontrollstellen-Leiter bei Biokontrollservice Österreich (BIOS) und ehemaliger Grüner Abgeordneter DI Dr. Wolfgang Pirklhuber, ARCHE NOAH Vorstandsmitglied Klaus Rapf und Vertreterin der Arbeiterkammer DI Iris Strutzmann auf dem Podium versammelt. Durch die Diskussion hat Irmi Salzer geführt. Es wurden die Chancen und Herausfordernungen des Gesetzesentwurfs aufgezeigt, erörtert und debattiert. Das Publikum hat sich in den lebendigen Austausch durch rege Beteiligung und Fragen eingebracht.

 
 
 

Fotogalerie

Fotogalerie

Podiumsdiskussion 17.11.2017 in der Diplomatischen Akademie Wien zum Thema neue Bio-Verordnung Bilder ansehen

 
 

Hier finden Sie mehr Informationen zur Bio-Verordnung

Warum ist die Vielfalt an Nutzpflanzen bedroht?

 
 

Das restriktive EU-Saatgutrecht beschränkt seit Jahrzehnten die Vielfalt von Gemüse, Getreide und Obst in Europa. Nur standardisierte, einheitliche Pflanzen, die für die industrielle Landwirtschaft geeignet sind, werden für den Markt zugelassen. Saatgut von alten und seltenen Pflanzen, die die Standards wegen ihrer innenwohnenden genetischen Vielfalt nicht einhalten können, darf nur in „Nischen“ und unter bürokratischen Auflagen verkauft werden, oder ist ganz verboten. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind so allein im 20. Jahrhundert 75% der Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen und der Verlust dauert bis heute an. 

 
 

Welche Verbesserungen würde die Verordnung bringen?

 
 

Wenn die Vorschläge des Europäischen Parlaments angenommen werden, wird die Bio-Verordnung innovative Erneuerungen für die Vielfalt bringen. Konkret würden neue, zusätzliche Saatgut-Kategorien geschaffen werden. Diese geplanten Saatgut-Kategorien würden „biologisches Heterogenes Material“ und „Biologisch gezüchtete Sorten“ heißen und für alle Arten gelten. Die neuen Kategorien würden ermöglichen, dass sich Saatgut an seine Umwelt- und Klimabedingungen flexibel anpassen könnte. Das ist derzeit für die gängigen Gemüse- und Getreidearten nicht möglich.

 
 

Welche Vorteile bringt Vielfalt im Klimawandel?

 
 

Die neuen Saatgut-Kategorien würden den Grundstein dafür legen, dass in Europa Pflanzen entwickelt und angebaut werden, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen. Durch den Klimawandel sind die Pflanzen innerhalb einer Vegetationsperiode zunehmend extremeren Wetterbedingungen ausgesetzt, wodurch auch ein neuer Schädlings- und Krankheitsdruck entsteht. Die Vielfalt liefert eine systemische Antwort auf diese Herausforderungen: Pflanzen dürfen sich über Generationen hinweg „im Dialog“ mit ihrer Umwelt entwickeln, und so mit den lokalen Umwelt- und Klimaherausforderungen wachsen. Gerade im Bio-Sektor ist das wichtig, denn dieser verzichtet auf synthetische Dünger und Spritzmittel.

 
 

Wie helfen die neuen Saatgut-Kategorien der Biodiversität?

 
 

Die Vielfalt von Pflanzen ist heute durch restriktive Gesetze weitgehend von der breiteren Nutzung ausgeschlossen. Deswegen gehen immer mehr natürliche, wertvolle Eigenschaften verloren. In öffentlichen „Genbanken“ werden Samenmuster der bedrohten Pflanzen im Eis eingefroren und gelagert. Doch Vielfalt kann breitflächig nur dann bestehen bleiben, wenn sie auch breitflächig angebaut wird. Nur was gegessen wird, bleibt auch erhalten. Die neuen Saatgut-Kategorien würden den Verkauf von Vielfalts-Saatgut für den Bio-Sektor legalisieren und so durch Anbau, Nutzung und Konsum die Biodiversität befördern.

 
 

Wie würden Bio-Bäuer*innen von Vielfalt profitieren?

 
 

Bio-Bäuer*innen hätten mehr Möglichkeiten, Vergleiche zwischen standardisierten Samen einerseits, und flexiblem Vielfalts-Saatgut andererseits zu machen. Sie könnten am Ende jene Pflanzen anbauen, die am besten zu ihrem Standort passen und von ihren Kund*innen geschätzt werden. Die Entwicklung von Hofsorten und deren regionale Nutzung würde wieder legal werden.

 
 

Wem schaden die neuen Vielfalts-Kategorien für Saatgut?

 
 

Die internationale Saatgutindustrie versucht, durch massives Lobbying die neuen, zusätzlichen Saatgut-Kategorien zu verhindern. Denn die Industrie hat sich auf Sorten spezialisiert, die einheitlich und standardisiert sind – das ermöglicht, geistige Eigentumsrechte wie Sortenschutz oder Patente durchzusetzen, und die Nutzung durch Bäuer*innen einzuschränken bzw. jährliche Gebühren zu verlangen. Viele Gemüse-Pflanzen sind  Hybride – also „Einmalsamen“, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen. So hat es die Industrie geschafft, in vielen Saatgutsektoren den Markt zu monopolisieren. Weltweit beherrschen nur acht Konzerne 75% des Saatgutmarktes.

Die neuen Vielfalts-Kategorien für Saatgut könnten – langfristig – die Macht der Konzerne zumindest im Bio-Sektor verringern, denn die sind nicht sortenschutzfähig und keine Hybride. Es würden wieder neue, lokale Züchtungsunternehmen entstehen, die eine Alternative zu den Giganten bieten.

 
 
 

Was wurde aus der EU-Saatgutverordnung?

 
 

Das restriktive EU-Saatgutrecht beschränkt die Vielfalt von Gemüse, Getreide und Obst in Europa. Nur standardisierte, einheitliche Pflanzen sind für den breiten Markt zugelassen. 2013 wollte die EU-Kommission mit der EU-Saatgutverordnung die Vielfalt sogar noch weiter einschränken. Doch das EU-Parlament hat den Vorschlag zurückgewiesen und die EU-Kommission hat ihn im Frühling 2015 zurückgezogen. So konnten die ärgsten Verschlimmerungen verhindert werden.

Doch auch das jetzige Saatgutrecht diskriminiert die Vielfalt massiv. Es herrscht dringender Reformbedarf. So setzt sich das EU-Parlament seit 2015 dafür ein, zumindest im Bio-Sektor dank der neuen Saatgut-Kategorien in der aktuell verhandelten EU-Bio-Verordnung mehr Vielfalt zuzulassen.