Keine Gentechnik durch die Hintertür

Keine Gentechnik durch die Hintertür

21 Jahre nach dem erfolgreichen Volksbegehren gegen Gentechnik steht die Gentechnikfreiheit in Österreich wieder auf dem Spiel. 1,2 Millionen ÖsterreicherInnen haben damals gegen Gentechnik unterschrieben. Nun erhält die Debatte neuen Stoff: Seit einigen Jahren wird eine Reihe neuer Verfahren verwendet, die neue Möglichkeiten zur Veränderung des Erbguts eröffnen. Während die Saatgutindustrie ein großes Interesse daran hat, dass die neuen Verfahren nicht als „Gentechnik“ klassifiziert werden, gilt es klarzustellen, dass diese Verfahren ebenso wie ihre Vorgänger Risiken bergen und dementsprechender Regulierung unterliegen müssen. Nur so können wir verhindern, dass Gentechnik durch die Hintertür Einzug hält und zusammen mit Saatgutkonzernen unsere biologische Vielfalt weiter zerstört.

Was wir fordern

Arche Noah hat eine klare Stellungnahme: Die neue Gentechnik muss den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen für Gentechnik unterliegen. Nur so kann das Vorsorgeprinzip, die Wahlfreiheit der KonsumentInnen und die Erhaltung der biologischen Vielfalt weiterhin gewährleistet werden. Jede andere Option wird die hart erkämpfte Gentechnikfreiheit Österreichs sowie seine Spitzenrolle in der Bio-Landwirtschaft aufs Spiel setzen.

Wir fordern daher:

  • Die Bundesregierung bezieht umgehend Position, dass neue Gentechnik-Verfahren den bestehendengesetzlichen Bestimmungen für Gentechnik unterliegen.

  • Als Vorreiter der Gentechnikfreiheit erwirkt die Bundesregierung auf EU-Ebene, dass neue Gentechnik-Verfahren vom Anwendungsbereich der Freisetzungs-Richtlinie 2001/18/EG erfasst sind – durch eine eindeutige und starke österreichische Positionierung in den einschlägigen Gremien, aktive Allianzbildung und Bewusstseinsbildung über die Gefahren einer De-Regulierung, u.a. für die Bio-Landwirtschaft.

  • Die Bundesregierung erwirkt auf EU-Ebene eine Verlängerung des faktischen Stillhalteabkommens (Moratorium) über die Entscheidung des Gerichtshofes der EU in der Rechtssache C-528/16 hinaus.

  • Die Bundesregierung gewährleistet die Einhaltung des Cartagena Protokolls und erlässt ein Einfuhrverbot, wenn gentechnisch veränderte Organismen in Österreich freigesetzt werden sollen.

  • Die Bundesregierung fördert die unabhängige Risikoforschung.

  • Die Bundesregierung verbessert die Vertrauenswürdigkeit von Risikobeurteilungen.

  • Die Bundesregierung fördert die Weiterentwicklung von Forschungstechniken zum Nachweis der Verwendung neuer Gentechnik-Verfahren.

Weitere Informationen findet ihr im Arche Noah Positionspapier und unserem gemeinsamen Positionspapier.

 
 

Was ist "neue Gentechnik"?

 
 

Seit einigen Jahren kommen Gentechnik-Verfahren wie Zinkfinger-Nukleasen, TALEN, CRISPR/Cas, Meganuklease, oder Oligonukleotid-gerichtete Mutagenese zum Einsatz, die neue Möglichkeiten zur Veränderung des Erbguts eröffnen. Um Pflanzeneigenschaften zu verändern, erfolgen direkte technische Eingriffe in die natürliche DNA-Struktur. Dazu werden meist künstliche im Labor hergestellte Enzyme verwendet. Mit dem CRISPR/Cas-Verfahren, der sogenannten „Gen-Schere“, wird beispielsweise die DNA geschnitten, so dass DNA-Abschnitte entfernt oder verändert werden können.

Bisher arbeitete man in der Gentechnik mit ungenauen Schrotschussverfahren - artfremde DNA wurde in die Zellen geschossen und dockte dort irgendwo an, oder auch nicht. Den Ort des Einbaus konnte man nicht kontrollieren. Die neuen Gentechnik-Verfahren machen es möglich, an vorbestimmten Orten in das Erbgut einzugreifen. Bestimmte Eigenschaften einer Pflanze oder eines Tiers sollen mithilfe dieser Techniken stillgelegt, verändert oder eingebaut werden. Mittels sogenannter „Gene Drives“ kann zudem die Geschwindigkeit der Ausbreitung entsprechender Erbanlagen erhöht werden.

Weizen, Äpfel, Mais, Gerste, Soja und Kartoffeln gehören zu den Kulturen, die bereits mit den neuen gentechnischen Verfahren verändert wurden. Mit den neuen Techniken wird versucht, die Pflanzen mit Resistenzen gegen Schadorganismen wie Viren, Bakterien, Pilze oder Insekten auszustatten. Saatgutkonzerne nutzen CRISPR/Cas aber auch, um Pflanzen resistent gegenüber Herbiziden wie Glyphosat zu machen (siehe z.B. Then & Bauer-Panskus 2017). Die überwiegende Mehrheit der weltweit angebauten herkömmlichen GVOs sind mit Resistenzen gegen Herbizide wie Glyphosat ausgestattet (ISAAA 2016).

Aus unserer Sicht müssen die neuen Verfahren der Gentechnik zugeordnet werden, denn es findet immer ein direkter Eingriff in das Genom statt. Daher sind alle Techniken als gentechnische Verfahren zu interpretieren und entsprechend zu regulieren!

Weitere Informationen:

Interview mit der Gentechnik Expertin Eva Gelinsky "Keine Gentechnik durch die Hintertür"

Gentechnik: Heikle Entscheidung über die Zukunft der Pflanzenzucht, Profil-Ausgabe 15/2018 

Then/Bauer-Panskus 2017: Russisches Roulette mit der biologischen Vielfalt

Bloomberg 2018: BASF to Crank Up R&D `Two Gears' With Bayer Seeds, Next CEO Says

Corporate Europe Observatory 2016: US company railroads EU decision-making on new GM

ISAAA 2016: Global Status of Commercialized Biotech/GM Crops

Food Integrity Now 2015: Dr. Robert Kremer on GMOs, Glyphosat an Soil Biology

 
 

Gesetzgebung: Risikobewertung und Kennzeichnung

 
 

Der Umgang mit Gentechnik ist vor allem im österreichischen Gentechnikgesetz und der Freisetzungs-Richtlinie 2001/18/EG geregelt. Diese Regelungen verbieten Gentechnik nicht. Sie schreiben aber vorsorgende Maßnahmen vor, die zum Schutz der menschlichen Gesundheit und Umwelt einzuhalten sind. Die Gentechnik-Gesetzgebung folgt damit dem Vorsorgeprinzip. Bevor gentechnisch veränderte Organismen in die Umwelt freigesetzt werden dürfen und damit möglicherweise nicht mehr zurückgeholt werden können, muss eine umfangreiche Risikoanalyse durchgeführt werden. Die Behörde kann bei der Zulassung Auflagen und Bedingungen vorschreiben, um nachteilige Folgen für die menschliche Gesundheit und Umwelt auszuschließen. Weiters gibt es bestimmte Dokumentationspflichten. Nach der Zulassung werden die gentechnisch veränderten Organismen überwacht, um negative Auswirkungen so früh wie möglich zu erkennen und gegebenenfalls entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Außerdem müssen VerbraucherInnen anhand einer konsumentenfreundlichenKennzeichnung gentechnisch veränderte Produkte erkennen können.

Weitere Informationen

Österreichisches Gentechnikgesetz

EU Freisetzungs-Richtlinie 2001/18/EG

 

 

 
 
 

Verlust der biologischen Vielfalt durch Gentechnik

 
 

Die neuen Gentechnik-Verfahren treiben den Verlust der biologischen Vielfalt noch schneller voran: Sie zielen auf die Entwicklung einiger weniger gewinnversprechender „Supersorten“ ab und bringen damit eine Verengung der genetischen Diversität mit sich. Die Vielfalt unserer Kulturpflanzen ist bereits durch die Industrialisierung der Landwirtschaft dramatisch zurückgegangen: In den vergangenen 100 Jahren haben wir weltweit etwa 75 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Vielfalt verloren. Heute gefährden Gentechnik, Saatgut-Monopole, Klimawandel und Kriege dieses kostbare Erbe.

Nutzpflanzen mit großer genetischer Vielfalt sind die Grundlage für die heutige und zukünftige Ernährung von uns Menschen. Sie sorgen dafür, dass unsere Landwirtschaft sich an veränderte Umweltbedingungen – Stichworte Klimawandel, neue Krankheiten oder Schädlinge – anpassen kann. Die Vielfalt stärkt damit die Abwehrkräfte der Natur und unterstützt die Anpassung an extreme Wetterbedingungen. Und sie sichert, dass auch für entlegene Gegenden und extreme Bedingungen geeignete Kulturpflanzen zu Verfügung stehen – eben überall dort, wo Menschen leben und sich ernähren wollen.

Besonders dramatisch sind diese Entwicklungen angesichts ihrer Unumkehrbarkeit: Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Gentechnik-Pflanzen ein erhöhtes Potential für unkontrollierte Ausbreitung haben. Kreuzen sie sich mit natürlichen Pflanzen, haben die Nachkommen einen erheblichen Überlebensvorteil. Dieser Effekt wird durch Extreme wie Hitze und Trockenheit noch weiter verstärkt (lesen Sie hier mehr darüber). Haben sich entsprechende gentechnische Veränderungen erst einmal in regionalen Sorten oder verwandten Wildpflanzen verbreitet, sind sie möglicherweise nicht mehr verlässlich aus den Populationen zu entfernen. Der Eingriff in die biologische Vielfalt droht so irreversibel zu werden.