Sortenentwicklung im Hausgarten

Backyard Plantbreeding

Do-it-yourself-Pflanzenzüchtung im Hausgarten

Auch im eigenen Hinterhofgarten lässt sich Pflanzenzüchtung betreiben! Ein wenig Experimentierfreudigkeit reicht aus und schon darf sich der Brokkoli wieder weiterentwickeln und die Erbse neue Bekanntschaften mit ihren Artgenossinnen schließen. Jede Gärtnerin kann eine Pflanzenzüchterin sein und jeder Bauer seine eigene Hofsorte entwickeln. ARCHE NOAH möchte gemeinsam mit Hausgärtnerinnen spielerische wie auch zielgerichtete Züchtungsprojekte ausprobieren, um damit einen Beitrag zur lebendigen Erhaltung unsere Kulturpflanzenvielfalt zu leisten.

Warum Pflanzenzüchterin werden?

Die Beweggründe, weshalb Gärtner selbst züchterisch tätig werden, können sehr unterschiedlich sein... weiterlesen

 
 
Spaß, Faszination & Neugierde

Die eine oder der andere von uns werden sich noch dunkel an die kryptischen Erbsenabbildungen im Biologieschulbuch erinnern. Mendel, Chromosomen, Allele oder irgendsowas. Über diesen abstrakten Zugang erscheint uns Genetik oft kompliziert und langweilig. Praktisch erlebt ist das Thema aber unglaublich faszinierend, ermöglicht eine zusätzliche Perspektive auf Biodiversität, macht Spaß und schmeckt.

Warum nicht im eigenen Garten Mendels Kreuzungsexperimente an lebendigen Pflanzen nachvollziehen und begreifbar machen? Wieso nicht Omas Zuckererbse mit der blauhülsigen Haussorte der Nachbarin kreuzen? Wieso nicht einfach mal ausprobieren was aus Erdäpfelsamen wächst? Oder einen gelben Mais neben einem rotkörnigen anbauen?

Innovation & künstlerisches Schaffen

Vielfältiges Gemüse macht Spaß und macht satt. Nebenbei kann es einen wichtigen Beitrag zu einem ressourceneffizienten Lebensmittelsystem und einer gesunden Ernährungsweise leisten. Jeder Mensch hat unterschiedliche Vorstellungen, Interessen und Bedürfnisse. Der eine isst gerne Kerbelrüben und die andere schätzt gestreifte Paradeiser ganz besonders. Diesen vielfältigen Anforderungen kann eine zentralisierte Sortenentwicklung, die ausschließlich auf monetären Profit ausgerichtet ist, nicht gerecht werden. Im Kampf um den globalen Saatgutmarkt, zählen vor allem rationale Fakten die Geld bringen. Der Ertrag soll um 3 % gesteigert, die Transportfähigkeit erhöht oder das Erntefenster auf wenige Tage komprimiert werden, um die maschinelle Ernte zu erleichtern.

Viele Hausgärtner interessieren sich aber für ganz andere Sachen. Zum Beispiel für Sorten, die Abwechslung und besondere Geschmäcker auf den Teller bringen oder nach und nach über eine längere Periode abreifen. Andere Aspekte, wie die Transporteignung oder die Möglichkeit zur Maschinenernte, sind völlig irrelevant. Viele individuelle Vorlieben von Hausgärtnerinnen versprechen jedoch zu wenig Gewinn, um jemals von einem Saatgutunternehmen bearbeitet zu werden. Es ist kein Zufall sondern strukturell bedingt, dass beispielsweise die grüngestreifte Tomate `Green Zebra` nicht im Zuchtgarten eines multinationalen Konzerns sondern auf den Feldern des autodidaktischen Züchters Tom Wagner entstanden ist. Erst später griffen zahlreiche Hobbyzüchterinnen und Saatgutunternehmen diese Innovation auf und heute finden sich Streifen und grüne Fruchtfarbe in unzähligen Paradeisersorten.

Doch sind grüngestreifte Tomaten tatsächlich das Ende der Geschichte? Wieso nicht selber einen rosa Grünkohl oder geflammten Paprika züchten? Oder sich mal mit Popcorn-Bohnen und frosttoleranten Zuckererbsen auseinandersetzen? Was wäre mit standortangepassten Wassermelonen, freilandtauglichen Melanzani oder frühreifenden Pepinos?

Erhaltung & Weiterentwicklung von Biodiversität

Der Ausgangspunkt von Diversität bei Kulturpflanzen liegt stets in der Verschiedenheit der Menschen, die sie kultivieren. Kein Wunder, dass pflanzliche Vielfalt verloren geht, sobald wir menschliche Vielfältigkeit nicht zulassen und zentralisierte Lebensmittel- und Saatgutsysteme fördern. Der konsistente Gegenentwurf kann also nur Diversifizierung sein: Vielfalt beim Essen, Vielfalt in der Produktion und Vielfalt beim Saatgut. Je mehr Menschen sich selbst mit Saatgutgewinnung und Sortenentwicklung auseinandersetzen, desto mehr Kulturpflanzendiversität entsteht dabei. Bei dieser Betrachtungsweise verschiebt sich der Fokus von „Vielfalt als Produkt“ zu „Vielfalt als Prozess“. Barrieren zwischen Erhaltung und Entwicklung werden dekonstruiert und die eigene Arbeit schlicht und einfach als Beitrag zu einer lebendigen Vielfalt verstanden. Dies kann eine sinnvolle Ergänzung zur konservierenden Erhaltungsarbeit darstellen.

 

Zum Ausprobieren...

Genug theoretisiert? Na dann kann‘s ja endlich losgehen! Hier stellen wir Kreuzungsanleitungen zum freien Download zur Verfügung... weiterlesen

 
 

Zum Lesen...

Für Gärtnerinnen, die tiefer ins Thema eintauchen möchten, haben wir hier spannende Publikationen und inspirierende Internetseiten zusammengetragen... weiterlesen

 
 

Literaturempfehlungen

Die verfügbare Literatur zum Thema „Sortenentwicklung im Hausgarten“ ist leider nach wie vor recht „überschaubar“. Jedoch sind gerade in den letzten Jahren einige sehr interessante Publikationen in englischer Sprache erschienen:

 
Plant Breeding as a Hobby (digital)

von J. D. Butler und N. F. Oebker
1982, Circular No. 817
ACES - College of Agricultural, Consumer and Environmental Sciences
University of Illinois

Homepage | PDF

 
Breed Your Own Vegetable Varieties (Buch)

von Carol Deppe
2000, 2nd Edition, Chelsea Green Publishing, 384 pages
ISBN 978-1-890132-72-9

 
Breeding Organic Vegetables: A Step-by-Step Guide for Growers (digital)

von Rowen White & Bryan Connolly
2011, NOFA-NY, 96 pages, ISBN 978-0-9820850-2-8

> Freier Download auf der NOFA-NY Seite

 
The Lost Art of Potato Breeding (Buch)

von Rebsie Fairholm
2013, Skylight Press, 164 pages
ISBN 978-1-908011-19-0

 
Plant Breeding for the Home Gardener (Buch)

von Joseph Tychonievich
2013, Timber Press, 216 pages
ISBN 978-1-60469-364-5

 
 
 
 

Interessante Internetseiten, Blogs und Foren

Besonders lebendig und engagiert präsentiert sich die „Hausgarten-Züchterinnen-Szene“ in diversen Internetforen und Blogs:

 
Varietas (Schweiz, deutsch)

Seit vielen Jahren beschäftigen sich Stefan und Martin mit der Erhaltung und Weiterentwicklung von besonderen Erdäpfeln und Paradeisern. Aus einem kleinen Hobby wurde immer mehr - und heute befinden sich mehrere hundert Kartoffel- und Tomatensorten im Anbau. Auf der Internetseite varietas.ch (vormals kartoffelsaatgut.ch) gibt es Informationen über aktuelle Tätigkeiten und züchterische Ergebnisse. Neue Kartoffelsorten werden an Bäuerinnen (a) und Liebhaber (b) gerne abgegeben und auch eine Vielzahl an älteren und jüngeren Tomatensorten ist verfügbar (c).

 
HATO – Hausgarten Tomaten Projekt (Deutschland, deutsch)

Etwa 2011 startete das HATO-Projekt, als sich Dreschflegel (kooperativer Zusammenschluss von SaatgutproduzentInnen in Deutschland) mittels öffentlichen Aufrufs auf die Suche nach bewährten Paradeisersorten für den Hausgarten begab. Etwa 60 Einsendungen wurden daraufhin getestet und untereinander gekreuzt. Aus vielversprechenden Kreuzungen wird nun Saatgut wieder zurück an experimentierfreudige HausgärtnerInnen abgegeben (a, b). Ein Erfahrungsbericht einer Gärtnerin findet sich hier (c).

 
Daughter of the Soil (UK, englisch)

In ihrem Blog teilt die Engländerin Rebsie Fairholm (siehe auch Literaturempfehlungen!) ihre langjährigen Erfahrungen als Hausgartenzüchterin (a). Mit ausführlichen und gut verständlichen Anleitungen erklärt sie unter anderem wie die Züchtung von Paradeisern (b), Erdäpfeln (c, siehe auch Literaturempfehlungen!) und Erbsen (d) funktioniert. Auch die Theorie kommt dabei nicht zu kurz, wird jedoch gekonnt anhand eigener Praxisversuche greifbar aufbereitet, was in Blogeinträgen wie „The joy of Mendelian segregation ... illustrated!“ mündet (e). Welche spannenden Resultate dabei entstehen können, zeigt Rebsie mit ihrer rothülsigen Erbse (f, g, h, i).

 
Arrowhead Alpines (USA, englisch)

Joseph Tychonievich und Brigitta Stewart (USA) bloggen hier über Gartenraritäten mit besonders großer Leidenschaft für ausgefallene Zierpflanzen. Wie auch in seinem Buch (siehe Literaturempfehlungen!) vermittelt Joseph hier mit erfrischender Leichtigkeit seinen spielerischen Zugang zum Thema Züchtung (a) anhand konkreter Beispiele: Paradeiser (b, c, d), Rosen (e, f), Akeleien (g), Violas (h).

 
Frogsleap Farm (USA, englisch)

Seit 2010 berichten die ParadeiserliebhaberInnen der Frogsleap Farm (USA) in diesem Blog über ihre langjährige züchterische Arbeit an Tomaten. Daraus sind zum einen bereits zahlreiche Paradeiser mit bisher nicht vorhandene Kombinationen von Streifen, Formen und Farben entstanden (a). Zum anderen haben die ZüchterInnen umfangreiche Informationen zur Vererbung von ausgewählten Fruchtmerkmalen zusammengetragen und den aktuellen Stand der Forschung um eigene Beobachtungen und Erkenntnisse ergänzt - beispielsweise bezüglich Geschmack (b) und Fruchtfarbe (c). Auch Tipps für die praktische Kreuzungsarbeit (d) und eine kurze Einführungen in die Methodik der Tomatenzüchtung (e) finden sich auf dem Blog der Frogsleap Farm.

 
Dwarf Tomato Project (Australien & USA, englisch)

Ziel des kooperativen Projekts ist die Entwicklung niedriger Buschtomaten in allen denkbaren Fruchtformen und -farben für einen besonders vielfältigen Balkongarten. 2006 initiierten Patrina Nuske Small (Australien) und Craig Le Houllier (USA) das Vorhaben mit ersten Kreuzungen und kommunizierten ihre Idee übers Internet. Rasch beteiligten sich zahlreiche GärtnerInnen mit weiteren Kreuzungen und bei der Selektion neuer Sorten. Seit 2011 sind nun erste Sorten aus dem Projekt verfügbar und mit jedem Jahr wächst die Familie der Zwergparadeiser weiter an.

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Philipp Lammer

Kontakt

DI Philipp Lammer
Sortenentwicklung, Projekte
T: +43 (0)650 6220280
philipp.lammer@arche-noah.at