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FAQs

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Worum geht es bei der Übernahme?

 
 

Bayer gab die beabsichtigte Übernahme von Monsanto im September 2016 bekannt.
Der Bayer Konzern ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Leverkusen (DE) und hat eine mehr als 150jährige Geschichte mit Ursprung in der Pharmazie. Bayer ist mit 115.000 Mitarbeiter*innen weltweit (Stand Ende 2016) in 78 Ländern vertreten. Der Jahresumsatz des Konzerns lag 2016 bei € 46,8 Mrd., davon waren € 4,5 Mrd. Gewinn.

Der 1901 gegründete Konzern Monsanto mit Sitz in St Louis, Missouri (USA) war ursprünglich ein Chemiekonzern, stieg ab den 1990ern durch den systematischen Ankauf von Saatgutfirmen zu einer den Saatgutmarkt dominierenden Position auf. Monsantos Aktivitäten sorgen weltweit für Kontroversen (Stichwort Monsanto Tribunal). Monsanto hat über 20.000 Mitarbeiter*innen weltweit. Der Umsatz betrug 2016 $ 13,5 Mrd. (ca. € 11,3 Mrd.), davon $ 1,3 Mrd. (ca. € 1,09 Mrd.) Gewinn.

Durch die Übernahme wird Bayer zum weltgrößten Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln – ein alarmierendes Vorhaben mit negativen Folgen für Vielfalt, Landwirt*innen, und Konsument*innen. 

 
 
 

Warum will Bayer Monsanto übernehmen?

 
 

Bayer nannte als Hauptargument für die Übernahme von Monsanto, das wohl auch den hohen Kaufpreis von $ 66 Mrd. (ca. € 55,5 Mrd.) rechtfertigen soll, das starke Wachstum innerhalb der Agrarbranche und das große Potenzial der globalen Agrarmärkte: Der Umsatz im Bereich Saatgut und Pestizide lag 2015 noch bei € 85 Mrd., für 2025 prognostiziert Bayer bereits € 120 Mrd. (Quelle: Konzernatlas 2017). Bayer errechnete auf Basis der 2015er Zahlen einen künftigen gemeinsamen Agro-Umsatz von $ 23,1 Mrd. (ca. € 19,4 Mrd.) und unterstreicht sein Streben nach Marktführung.

Mit dem Deal steigt Bayer zum weltgrößten Anbieter von sowohl Saatgut als auch Agrochemikalien auf und wird somit zum größten integrierten Unternehmen der Branche. Und das lässt sich der Konzern ein Vermögen kosten: Es ist die bisher größte Akquisition, die ein deutsches Unternehmen je vollzog. Das neue Unternehmen verfügt über die größte Palette an Pestiziden und die stärksten Marktanteile bei Saatgut und agronomischen Merkmalen.

Bayer selbst verknüpft die Fusion mit Schlagworten wie nachhaltige Landwirtschaft, verantwortungsvolle Anwendung von Produkten, Förderung von Menschenrechten und Erhalt der Artenvielfalt. Doch durch die Entstehung des Megakonzerns erhöht sich die Konzentration im Saatgutmarkt, die bereits jetzt sehr hoch ist, deutlich stärker – mit schwerwiegenden Folgen für die Vielfalt, die Landwirtschaft und Konsument*innen. Daneben geht es hier auch um die wachsende Kontrolle der Großkonzerne über pflanzengenetische Ressourcen und damit über die Grundlagen unseres täglichen Lebens.

 
 
 

Wie hoch ist die Konzentration am Saatgutmarkt?

 
 

Ein Konzentrationsprozess im Agrobusiness ist seit dem 20. Jahrhundert zu beobachten. Angetrieben u.a. durch die Entwicklung von herbizidresistentem Saatgut wurde das Geschäft mit der Saat innerhalb nur weniger Jahrzehnte höchst lukrativ. Die „grüne Revolution“ förderte aber auch den Einsatz von Agrochemikalien weltweit erstmals stark – und das angetrieben durch staatliche Motoren.

Was Konzentrationsprozesse am Saatgutmarkt betrifft, war Monsanto federführend und setzte ab den 1990ern auf vertikale Integration: Der Chemiekonzern fing an weltweit systematisch Saatgutunternehmen aufzukaufen. Diese Aufkaufwelle dauerte bis 2005 an und machte Monsanto zum größten Saatgutproduzenten der Welt mit einer besonders starken Dominanz in den Bereichen Mais, Soja und Baumwolle. Zum Beispiel gehören die europäischen Saatgutfirmen Seminis (europäischer Marktführer im Bereich Gemüsesaatgut) und De Ruiter zu Monsanto. Oft ist die Präsenz des Konzerns allerdings schlecht erkennbar, weil die aufgekauften Firmen unter ihren ursprünglichen Namen weitergeführt werden.

Noch Anfang 2017 fand sich im Saatgutsektor ein weltweites Oligopol mit sechs bis sieben großen Anbietern. Dann übernahm ChemChina im Mai 2017 das schweizerische Chemieunternehmen Syngenta; im Juni stimmten die US-Behörden dem Zusammenschluss von Dow Chemical und DuPont zu. Wird nun auch noch die Bayer-Monsanto-Übernahme durchgewunken, würden künftig lediglich drei Akteure den Saatgutmarkt beherrschen.

Diese Machtstrukturen am Saatgutmarkt führen zu weniger Auswahl, da sich große Saatgutfirmen auf wenige, weltweit vertriebene Produkte konzentrieren, und schaden somit kleinen landwirtschaftlichen Betrieben, die auf regionales, standortangepasstes Saatgut angewiesen sind.

 
 
 

Bayer & Monsanto wollen die Welternährung sichern?!

 
 

Die Weltbevölkerung wächst stetig. Manche Quellen sagen, 2050 sollen 10 Mrd. Menschen die Erde bevölkern. Das Problem der Ernährung dieser Masse an Menschen rückt allerorts immer mehr in den Fokus.
Das Problem der Welternährung liegt grundsätzlich nicht an der Menge an verfügbarem Essen, sondern am Zugang dazu. Die Welternte könnte heute 12 bis 14 Milliarden Menschen ernähren, dennoch hungern 800 Mio. Menschen von 7,5 Mrd. (Quelle: Konzernatlas 2017). Das Problem des Welthungers hängt mit Armut und sozialem Ungleichgewicht zusammen – und dieses Problem wird durch Großkonzerne maßgeblich mitverursacht.

Dennoch machen Bayer und Monsanto einen Mythos daraus, für die Welternährung sorgen zu müssen – dabei streben sie Wachstum und Profit für ihre Firmen an. In Realität sind es die Bäuer*innen, die die Welt ernähren - noch heute ernähren Lebensmittel aus bäuerlichem Saatgut etwa 70-80% der Weltbevölkerung (GRAIN 2012:24, Kaiser 2012:68). Zudem sind ironischerweise viele der heute Hungernden ehemalige Bäuer*innen, die Opfer von Industrialisierung, Landraub und Biopiraterie wurden und so durch die Machenschaften von Großkonzernen ihren Besitz verloren.

„Durch die Übernahme droht ein weltweites Lebensmittelmonopol“, warnte Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der Organisation Coordination gegen Bayer-Gefahren. Um die Welternährung zu sichern, braucht es deshalb u.a. den Erhalt von kleinbäuerlichen Strukturen.

Nach der Bewilligung der Fusion durch die Wettbewerbskommission fordert ARCHE NOAH fordert von der Europäischen Kommission, die bestmöglichen und wirksamsten Einschränkungs-Maßnahmen ergreifen, um die negativen Folgen auf den europäischen Saatgutmarkt sowie auf diverse Akteur*innen zu beschränken. ARCHE NOAH trat hierzu bereits mit konkreten Vorschlägen an die EU-Kommission heran.

 
 
 

Was sind die Folgen für den Saatgutmarkt?

 
 

Nach der Übernahme von Monsanto durch Bayer kontrollieren künftig drei Konzerne (Dow-DuPont, ChemChina-Syngenta und Bayer-Monsanto) etwa 70% aller Agrochemikalien und über 60% des Saatgutmarktes. Bayer-Monsanto kommt beim Saatgut für gentechnisch veränderte und konventionelle Ackerfrüchte zusammen auf einen Marktanteil von rund 30%. Allein bei gentechnisch veränderten Pflanzen kommen sie insgesamt auf über 90% - 2013 besaß Bayer 206 Gentechnikpatente, Monsanto 119. Bei den Pestiziden würden sie 25% Marktanteil haben. (Quelle: Jan Pehrke)

Die Großkonzerne haben die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft mitentwickelt und sind dieser weiterhin verpflichtet. Dabei werden Böden zerstört, Wasser wird verunreinigt und die Biodiversität verringert.

Durch einen Zusammenschluss ist eine Verschärfung der Situation zu befürchten. So ist u.a. mit mehr Pestiziden in Boden, Lebensmitteln und Wasser zu rechnen. Welches Saatgut auf den Äckern landet und auf welche Weise diese bearbeitet werden, würden letztlich die Konzerne bestimmen. Es ist eine Zunahme von riesigen Anbauflächen (durch die Abnahme von kleinstrukturierter Landwirtschaft und das Sterben von klein- und mittelständischen Betrieben) mit verstärkten Monokulturen zu erwarten. Dies wiederum wird einen höheren Einsatz an Pestiziden ebenso wie an Düngemitteln hervorrrufen.

Letztlich geht es jedoch nicht nur um den Anbau von Saatgut, sondern auch um pflanzengenetische Ressourcen, die die Konzerne immer mehr kontrollieren wollen. Mit der Übernahme würde Bayer-Monsanto über einen riesigen pflanzengenetischen Pool verfügen, aus dem sie sich die lukrativsten Züchtungen aussuchen können, um sie mit Patenten zu versehen. Nicht nur, dass dadurch der freie Zugang zu diesen Sorten genommen würde, Innovation in der Züchtung würde dadurch maßgeblich behindert.

 
 
 

Was sind die Folgen für die Vielfalt?

 
 

Die Großkonzerne konzentrieren sich in ihrer Forschung auf jene Pflanzenarten, mit denen sie kurzfristig die größten Profite machen können. Weltweit betrachtet sind das Mais (40%), Soja (13%) und Reis (10%). Kulturen, die wenig ertragreich oder profitversprechend sind, werden nicht weiter vertrieben. Hinzu kommt die Zunahme von Monokulturen und der Rückgang der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und ihren Landsorten.

Die Firmen investieren große Summen in die Züchtung von profitträchtigen Sorten – was ihrer Meinung nach einen Schutz der Ergebnisse durch Patente rechtfertigt. Die Patentierung von Pflanzen – gegen die sich ARCHE NOAH bereits seit längerem einsetzt – wandelt Pflanzen in Privateigentum um und hindert Züchter*innen daran, mit dem genetischen Material weiterzuarbeiten – außer sie bezahlen hohe Lizenzgebühren an die Patentinhaber*innen. Das hat zur Folge, dass die Weiterentwicklung von Pflanzeneigenschaften immer mehr in die Hand von Großkonzernen gerät, die letztlich bestimmen, welche Pflanzensorten überleben und welche aussterben müssen. Die Vielfalt kommt so in große Gefahr.

Mit dem Rückgang der Vielfalt verschwindet auch langsam das dazugehörige Wissen, was Landwirt*innen noch mehr in die Abhängigkeit von Konzernen zwingt.

Hand in Hand mit dem Verschwinden der Vielfalt geht die Bedrohung der Ernährungssicherheit einher – denn wir sind auf die genetische Vielfalt angewiesen, um uns und unsere Ernährung an den Klimawandel und zukünftige Umweltveränderungen anzupassen. Dass die Kulturpflanzenvielfalt der rettende Anker sein kann, wurde bereits in der Vergangenheit mehrmals bewiesen, etwa wenn industrielle Monokulturen von Schädlingen oder Krankheiten vernichtet wurden und in einer traditionellen Sorte eine passende Resistenz gefunden wurde.

 
 
 

Was sind die Folgen für Menschen & Konsument*innen?

 
 

Der steigende Einsatz von agrochemischen Produkten schadet nicht nur der Umwelt, sondern letztlich auch den Konsument*innen. So hielt Global 2000 in einem im September 2017 veröffentlichten Bericht fest, dass in vier von neun getesteten österreichischen Bieren Rückstände von Glyphosat, Monsantos Herbizid-Bestseller, gefunden wurden.

Neben möglichen gesundheitlichen Folgen sind durch den Zusammenschluss von Bayer und Monsanto weniger Auswahl und höhere Preise für Konsument*innen zu erwarten. Hinzu kommt mehr Unsicherheit darüber, was im Supermarkt in den Regalen zu finden ist. Denn der weltweite Vormarsch von GVO-Produkten, deren langfristige Folgen für die menschliche Gesundheit noch ungeklärt sind, würde sich dadurch beschleunigen. Großkonzerne erlangen so zunehmend Kontrolle über unsere Ernährung und die Grundlagen unseres täglichen Lebens.

Doch es gibt auch Alternativen: Neben Eigenanbau und dem Bezug von Lebensmittel von Landwirt*innen aus der Region gibt es noch andere lokale Gegenkonzepte durch die sich Konsument*innen unabhängig von Agrarkonzernen machen können. Eines davon ist die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Laut Konzernatlas versorgen in Europa momentan bereits ca. 2.800 SoLaWis eine halbe Million Menschen mit Nahrungsmitteln. (Konzernatlas 2017)

Die ARCHE NOAH versucht mit ihrem Samenarchiv, der Vermehrung von samenfestem, standortangepasstem, vielfältigem Saatgut und dem Einsatz für die kleinstrukturierte Landwirtschaft ganz klar einen Gegenpol zur Monopolisierung der Landwirtschaft aufrecht zu erhalten.

 
 
 

Was sind die Folgen für Landwirt*innen?

 
 

Auch für Landwirt*innen hat die Übernahme schwerwiegende Folgen.

Durch die Fusion konzentriert sich ein ohnehin schon enger Mark noch stärker. Dadurch, dass nur noch wenige Firmen Saatgut anbieten, ist zu erwarten, dass sich (i) die Auswahl verringert, (ii) der Preis mangels Alternativen steigt und (iii) der Innovationsanreiz geschmälert wird. Der Wettbewerb und die Innovation werden voraussichtlich darunter leiden, dass eine große Anzahl an pflanzlichen genetischen Ressourcen im Besitz von Bayer-Monsanto sind, was die Arbeit für andere Züchterbetriebe maßgeblich erschweren wird.

Ganz konkret: Wenn Großkonzerne den Saatgutmarkt beherrschen, wird es immer schwieriger für Bäuer*innen, sich samenfestes, standortgepasstes, vielfältiges Saatgut zu beschaffen bzw. selbst zu vermehren. Dadurch kommt die Saatgutsouveränität der Bäuer*innen in ernste Gefahr. Aufgrund mangelnder Alternativen wird auch die Abhängigkeit von chemischen Behandlungsmethoden zunehmen – und damit die Gefährdung der Gesundheit beim Ausbringen der Agrochemikalien. Nach und nach würden so standortangepasste Landsorten, die nur durch Vermehrung in bäuerlichen Betrieben überleben, immer mehr verschwinden – die Vielfalt würde bedroht.

Die vermehrte politische Einflussnahme durch einen Riesenkonzern führt zudem zur weiteren Zurückdrängung der Interessen von mittelständischen und kleinen Bäuer*innen, deren Arbeit aber für den Erhalt der Vielfalt essentiell ist.

 
 
 

Was sind die Folgen im Hinblick auf Patente?

 
 

Europaweit wurden zwischen 1978 und 2016 insgesamt 9.039 Patente auf Pflanzen angemeldet, davon rund ein Drittel, also 3.083, erteilt. Auf Bayer fielen davon 471 Anträge, wovon insgesamt 244 erteilt wurden. Monsanto hat sogar 616 Patente auf Pflanzen angemeldet, 246 davon wurden genehmigt. Gemeinsam verfügen also bis dato über fast 500 in Europa gültige Patente auf konventionell und gentechnisch gezüchtete Pflanzen.
Alleine 2016 wurden vom Europäischen Patentamt 252 Patente auf Pflanzen erteilt – das sind so viele wie noch in keinem Jahr zuvor! Davon entfallen 25 auf Monsanto und 29 auf Bayer.
In den letzten Jahren war ein erneuter Anstieg an Patentanmeldungen zu verzeichnen. Vor allem Anträge für Patente auf konventionelle Züchtung und auf neue Gentechnik-Verfahren (Gene-Editing) sind im Vormarsch. Wie es mit der Neuen Gentechnik weitergeht, ist ein eigenes Kapitel, das die ARCHE NOAH bereits verfolgt.
Gegen Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen gibt es seit längerem eine laute Widerstandsbewegung – denn hier wird Allgemeingut privatisiert und wichtige züchterische Arbeit maßgeblich erschwert. Dieses geistige Eigentumsrecht trägt erheblich zur Marktmacht der Konzerne bei. Die Verwendung durch Dritte ist an die Zahlung von Lizenzgebühren geknüpft und schließt fast alle von der Arbeit damit aus. Fehlende Transparenz über die erteilten Patente führt auch zu großer Rechtsunsicherheit für Konkurrent*innen. Je größer der Konzern desto größer der Vorteil gegenüber der Konkurrenz – vor allem gegenüber klein- und mittelständischen Pflanzenzüchter*innen, die sich hohe Lizenzgebühren und große Rechtsabteilungen nicht leisten können. 
Zudem umfassen Patente auf Pflanzen oft nicht nur das Saatgut, sondern gleich ganze Produktionsketten bis hin zum Endprodukt. Dadurch werden nicht nur Landwirte und Landwirtinnen, sondern auch alle Produzent*innen im weiteren Verarbeitungsprozess von Lebensmitteln und schließlich die Verbraucher*innen abhängig von einigen wenigen Patentinhaber*innen.

 
 
 

Was sind die Folgen im Hinblick auf Datensammlungen?

 
 

Die zunehmende Macht der Konzerne wird durch einen zusätzlichen Motor noch weiter vorangetrieben: Sowohl Bayer als auch Monsanto investieren stark in den Bereich der Digitalen Landwirtschaft. Die Verbindung von GPS-gestützten Daten mit Daten über das Wetter, die Bodenbeschaffenheit, Erntemengen aber auch Arbeitszeiten steht im Fokus dieser neuen Entwicklung. Um diese Daten zu erhalten werden Traktoren, Ernte- und Fütterungsmaschinen zunehmend mit Sensoren und GPS-Trackern ausgestattet. So sollen vor allem große und monokulturelle landwirtschaftliche Betriebe effizienter gestaltet werden - ein neuer Geschäftszweig in der Agrarbranche entsteht. Hier sind zwei Aspekte im Zusammenhang mit der Fusion besonders relevant.

1. Bayer und Monsanto investieren zunehmend in die „Präzisionslandwirtschaft“. Basierend auf der Kombination von Daten werden hier Empfehlungen an die Landwirte und Landwirtinnen gegeben, wie z.B. welche Sorte wo zu pflanzen, welche Agrochemikalie wo aufzubringen sind. Die Bündelung des Verkaufs von Saatgut und Agrochemikalie mit Daten-Dienstleistungen ist aus zweierlei Hinsichten problematisch. Erstens gibt es einen klassischen Interessenkonflikt: der Landwirt bzw. die Landwirtin will die beste Empfehlung, der Konzern dagegen will möglichst viel Gewinn machen. Aufgrund der Anwendung komplexer Algorithmen kann der Landwirt bzw. die Landwirtin nicht nachprüfen, ob die Empfehlung wirklich den eigenen Interessen entspricht. Zweitens verhindert die Produktbündelung den effektiven Wettbewerb im Markt: Kaufentscheidungen werden nicht mehr aufgrund der Eigenschaften des einzelnen Produkts getroffen. Anstatt den Nutzer*innen mehr Möglichkeiten zu eröffnen, wird im Gegenteil ihr Handeln immer mehr kontrolliert; durch eine Fusion ist mit somit mit verstärkter Abhängigkeit der Landwirt*innen, die diese Technologien nutzen, und Gefährdung von deren Souveränität zu rechnen.
Um den fairen Wettbewerb am Saatgutmarkt zu gewährleisten und einen Missbrauch der Daten auszuschließen, muss die Politik deshalb eine klare Trennung zwischen Daten-Dienstleistungen und dem Verkauf von Saatgut und Agrochemikalien fordern.

2. Beide Konzerne sind in den letzten Jahren zahlreiche Firmenkooperationen im Bereich der Digitalen Landwirtschaft eingegangen – bei Bayer waren es Bosch, die Universität Hamburg und sogar das amerikanische Raumfahrttechnologieunternehmen Planetary Resources. Gekauft hat der Konzern beispielsweise das Geoinformationssystem Zoner oder den Diagnose- und Warndienst ProPlant, der in die „Bayer Digital Farming GmbH“ umgewandelt wurde. Monsanto weist eine Zusammenarbeit mit Apple und John Deere auf und hat erst 2013 die Climate Corporation übernommen und mit seinen Datenbanken über Sorten und Erträge verknüpft. Beide Konzerne verfügen mittlerweile bereits über große Datensammlungen landwirtschaftlicher Betriebe – Tendenz steigend. Durch die Bewilligung der Fusion gelangen diese Datensammlungen auf einen Schlag in die Hände eines einzigen großen Konzerns – und das, obwohl der Datenschutz im Bereich des „digital farming“ noch in den Kinderschuhen steckt und gesetzliche Rahmenbedingungen erst ausgehandelt werden müssen. Es droht das Szenario des „gläsernen Betriebs“, in dem einzelne Firmen über sensible Daten über landwirtschaftliche Flächen und ihre Fruchtbarkeit verfügen und Landwirte und Landwirt*innen in komplette Überwachung von profithungrigen Konzernen geraten. Und wohin die Verknüpfung dieser einzelnen Datenmengen zu einer großen in Konzernbesitz befindlichen Datenlandkarte noch führen wird, ist höchst fraglich.

Übrigens: Auch in Österreich werden Datensammlungen im landwirtschaftlichen Bereich bereits angewendet und weiter forciert. 21% der Landwirtschaftsbetriebe über 50 ha Nutzfläche nutzen schon Technologien des „precision farming“. In Deutschland nutzt bereits jeder fünfte Betrieb Technologien der Landwirtschaft 4.0, bei den Betrieben über 100 ha ist es jeder dritte. Der Markt soll zudem bis 2020 um 12% jährlich wachsen.

 
 
 

Hat die EU-Kommission bereits Fusionen abgelehnt?

 
 

Die Geschichte zeigt, dass die EU-Kommission selten große Übernahmen verhindert. Während Kartelle, die Wettbewerb in bestimmten Bereichen reduzieren oder verhindern, meist konsequent verfolgt werden, werden Firmenübernahmen, die den Wettbewerb permanent ausschalten, paradoxerweise selten verhindert. Seit 1990 blockierte die EU-Kommission lediglich 1% aller Übernahmen – und sie ließ 90% durchgehen, ohne jegliche Anpassung der Verträge zu verlangen. Von 1990 bis Anfang 2017 wurden nur 25 große Zusammenschlüsse verhindert, das entspricht 0,4%. Werden trotz der Entstehung oligopoler Machstrukturen neue Fusionen genehmigt, so lässt sich das entsprechend der EU-Fusionskontrollverordnung mit dem Entstehen von neuen Synergien, Preissenkungen für Verbraucher*innen, Produktinnovationen und Eliminierung von ineffizienten Managementstrukturen begründen. Das Corporate Europe Observatory folgert daraus, dass das EU-Fusionskontrollsystem die Marktkonzentration ironischerweise erheblich vereinfacht hat.

Was es also braucht, ist eine wirksame Reformation des Rechtssystems, damit die EU-Kommission als Behörde gestärkt wird, auf dass sie künftig über die Werkzeuge verfügt, die ihr ermöglichen, auf Marktveränderungen adäquat reagieren und im öffentlichen Interesse agieren zu können. Nun muss die Europäische Kommission aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln und wirksame Maßnahmen ergreifen, um die negativen Folgen der Übernahme auf die Vielfalt sowie auf diverse Akteur*innen deutlich zu mindern. Hier hat die ARCHE NOAH ganz konkrete Vorschläge.

 
 
 

Welche Lobbymacht haben die zwei Saatgut-Giganten?

 
 

Grundsätzlich gilt: Je größer ein internationales Unternehmen ist, desto weitreichender ist auch seine Lobbymacht und damit sein Einfluss auf die Gesetzgebung.

Sowohl Bayer als auch Monsanto geben einen beträchtlichen Teil ihres Firmenbudgets für Lobbyarbeit aus. Auf offizielle Zahlen ist hier jedoch kaum Verlass, da diese für die Konzerne nur zum Teil verpflichtend sind. Zudem stellen die offiziellen Zahlen nur die Spitze des Eisbergs dar, da sie nur Direktzahlungen abdecken, aber keine indirekten Lobbymechanismen – wie PR-Agenturen oder Anwaltskanzleien.

In Brüssel werden Monsantos und Bayers Interessen beispielsweise durch die European Seed Association (ESA), die Pestizidlobby European Crop Protection Association (ECPA), die Biotech-Lobby EuropaBio sowie die Chemielobby CEFIC (der größte Lobbyakteur der EU) vertreten.

Sowohl Bayer als auch Monsanto sind Teil von Wissenschaftsplattformen, die sie dabei unterstützen, ihre Produkte zu verteidigen. Und Monsanto weiß seine Interessen auch durch die „Glyphosate Task Force“ vertreten, welche etwa die Vorauswahl der wissenschaftlichen Studien für die EU-Wiederzulassung von Glyphosat traf. Übrigens: Noch diesen Herbst wird auf europäischer Ebene über eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat abgestimmt.

Dass die Summe der offenen und versteckten Lobbyarbeit beider Konzerne dem Megakonzern insgesamt noch viel größere Macht über politische Entscheidungen gibt, ist höchst bedenklich.

In starkem Gegensatz dazu steht die Einschränkung des Mitspracherechtes von Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen. Deren Chancen, sich politisch zu äußern, sind gering, während politische Einflussnahme der Industrielobby ständig wächst.

 
 
 

Wo kann ich mehr darüber lesen?

 
 

Hier eine kleine Auswahl an Quellen:

 

Banzhaf, Anja: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen, München: oekom 2016. Online als kostenloses e-book: http://www.saatgutkampagne.org/PDF/Banzhaf_SAATGUT_freierdownload.pdf

Heinrich-Böll-Stiftung: Konzernatlas. Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2017.

Lindner, Rupert: Landwirtschaft 4.0 in Österreich aus Sicht der Politik. Wien: BMLFUW 2016.

Pehrke, Jan: „Bad & ugly. Der Leverkusener Bayer-Konzern will den Saatguthersteller Monsanto übernehmen und damit zum weltgrößten Player der Agro-Branche aufsteigen“ in: Konkret. Poltik & Kultur, 7/2016, S.26-27.

Robin, Marie-Monique: Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert, dva 2008.

Then, Christoph und Tippe, Ruth: Patent applications on plants derived from conventional breeding, no patents on seeds 2017: http://no-patents-on-seeds.org/sites/default/files/news/report_patent_applications_on_plants_2016.pdf

Werner, Klaus und Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien/Frankfurt/M.: Deuticke 2003.

 

Artikel:

Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bayer-monsanto-der-vernetzte-bauer/12965816.html, 15.02.2016.

Trend: https://www.trend.at/technik/innovation/landwirtschaft-zukunft-6187045, 13.01.2016.

 

Dokumentationen:

Unser Essen – The future of food, ein Film von Deborah Koons Garcia, USA 2004.

Monsanto – Mit Gift und Genen, ein Film von Marie-Monique Robin, Arte 2008.

Kampf ums Saatgut - Wer bestimmt was wir essen? Online verfügbar bis 27.09.2018 in der ARD Mediathek: http://www.ardmediathek.de/tv/DokThema/Kampf-ums-Saatgut-Wer-bestimmt-was-wi/BR-Fernsehen/Video?bcastId=40552236&documentId=46347110

 

Weblinks:

www.corporateeurope.org: Analysen zur Macht von Großkonzernen in Europa des Corporate Europe Observatory

www.advancingtogether.com: Bayer-Monsanto-Fusion aus der Sicht der Konzerne selbst

www.no-patents-on-seeds.org: Initiative "Keine Patente auf Saatgut!"

www.kein-patent-auf-leben.de/patentdatenbank/: Datenbank über angemeldete und erteilte Patente auf Leben